Wii shall overcome?
Jetzt muss ich einmal ganz dick auftragen: Ich war schon als Kind ein Visionär. Gemeinsam mit meinem Cousin saß ich zu Zeiten, als Fernsehen noch überwiegend schwarzweiß und auf drei Programme beschränkt war, in einem Dachgeschosszimmer. Bewaffnet mit bunt isolierten Drahtstücken, Pappe, Reißnägeln, Plastikabfall, kleinen Glühbirnen, Uhu, Schere, Bleistift und Filzschreibern machten wir uns an die Arbeit. Wir nahmen leere Streichholzschachteln und ordneten darin kunstvoll und „technisch aussehend“ unsere Bauteile an. Wir überklebten das Etikett der Schachtel mit weißem Papier und zeichneten mit feinen Strichen Bedienkonsolen darauf. Wir nannten diese Kreationen „Allesgeräte“, denn in unserer Fantasie konnte man alles damit machen: Telefonieren, Fernsehen, fremde Autos James-Bond-mäßig in die Luft jagen und und und … Mein Cousin und ich waren damals ein eingeschworenes Team. Er war X-7 und ich X-8. Und wir trugen unsere Allesgeräte immer mit uns in der Hosentasche herum. Man wusste ja nie, wann man mal in die Verlegenheit kommen würde, Goldfinger oder Dr. No unschädlich machen zu müssen.
Naja, heute sind diese Allesgeräte Realität. Fast jeder schleppt heute ein Smartphone mit sich herum. Und noch vor ein, zwei Jahren hätte niemand für möglich gehalten, wie sehr Smartphones und Tablets unsere ganze Welt verändern würden. Auch ganz ohne Dr. No, Scaramanga, Blofeld und Goldfinger.
Jetzt hat es auch die Spiele-Industrie erwischt. Auf der Entwicklerkonferenz Quo Vadis 2011, die jüngst in Berlin stattfand, wurde die Tragweite des Trends zu Smartphone und Tablet-PC auch für diesen Sektor deutlich. Hieß es vor Jahren noch, der PC als Spielgerät sei tot und die Zukunft würde den Konsolen gehören, haben die Konsolen nun mit iPhone, iPad & Co. massive Konkurrenz bekommen. Nintendos neue 3D-Konsole verkauft sich derzeit schleppender als erwartet und der Datenskandal um Sonys Playstation Network tut ein Übriges, um Fans weiter zu vergraulen. Konsolenspiele sind überdies teuer – App-Stores bieten hochwertige Games für Smartphones und Tablets hingegen bereits für wenige Euros an. Mit zunehmender Leistungsfähigkeit der mobilen Endgeräte und günstigen Flatrates dürfte sich dieser Trend noch weiter verschärfen. Wer hier weiter bestehen will, braucht außergewöhnliche Bedienkonzepte wie Nintendos Wii oder Microsofts Kinect. Doch angesichts der rasanten Entwicklung läuft jeder Hersteller Gefahr, dass ein von langer Hand vorbereitetes Produkt bereits bei Release schon wieder den Anschluss verloren hat.
Fazit: Wer heutzutage ein innovatives, zukunftssicheres Allesgerät bauen will, muss tatsächlich ein außerordentlich begabter Visionär sein …
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