Archiv für May, 2010

Lasst Fetzen sprechen

Promi-Köpfe werden in der Werbung immer gern genommen – wenn sie beispielsweise erklären, wie sie zu Deutschlands größter Boulevard-Zeitung stehen. Oder sich nicht zu schade dafür sind, die unter ausbeuterischen Arbeitsbedingungen hergestellten Artikel eines Textildiscounters zu bewerben.

Glücklicherweise gibt es immer noch Beispiele, bei denen weder ein Gesicht als purer Werbeträger noch der Profit, sondern durchaus eine wichtige Botschaft im Vordergrund steht. Und das im wahrsten Sinn des Wortes. Ein solches Meisterstück ist der Agentur Scholz & Friends mit einem Beitrag zur FAZ-Reihe „Kluge Köpfe“ gelungen: Auf dem Foto ist Marianne Bithler zu sehen, die Bundesbeauftragte für Stasi-Unterlagen – jedoch nicht ihr kluger Kopf, sondern lediglich ihre Hand, die ein aus zahllosen Schnipseln zusammengesetztes Exemplar der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vors Gesicht hält. Die Message trifft den Betrachter hart und unerbittlich. Sie lässt weder Missverständnisse noch Schönfärbereien zu. Frau Bithler ist auf dem Bild zwar sehr präsent, tritt aber zugunsten der wichtigen politischen Aussage in den Hintergrund.

Die Eindringlichkeit des Bildmotivs zeigt Wirkung. Mit einem Mal beginnt man wieder, sich in Gedanken mit diesem wichtigen Kapitel der deutsch-deutschen Geschichte auseinanderzusetzen – mit Ereignissen, die angesichts des täglichen Medien-Overkills in unseren Köpfen schon fast der Vergessenheit anheimgefallen sind.

Die Macht des Archaischen

Was ist es, das uns wie hypnotisiert nach oben blicken lässt, wenn ein riesiger Schwarm Zugvögel  über uns hinweg gen Süden fliegt? Wie sich der Himmel für Sekunden fast unmerklich verdunkelt? Wie Tausende von leisen Flügelschlägen die Luft zum Beben bringen? Das weckt in uns Gefühle, die wir kaum in Worte fassen können: etwas zwischen wohligem Schaudern und einer schwer erklärbaren Faszination …

Kaum jemand kann sich der Macht solch archaischer Bilder entziehen. Und die menschliche Kultur schöpft seit jeher aus dieser Quelle, um Werke hervorzubringen, die uns mit ihrer emotionalen Wucht ganz unmittelbar in unserem Innersten treffen – die Venus von Willendorf genauso wie etwa Stonehenge und Strawinskis „Sacre du Printemps“  –oder auch „Hive“, ein Projekt von Studierenden des Fachbereichs Gestaltung (Innenarchitektur und Kommunikationsdesign) der FH Mainz.

„Hive“ war eine Lichtinstallation, die im Rahmen der Luminale 2010 über dem Weiher hinter der Alten Oper in Frankfurt präsentiert wurde: 1.600 einzeln über Bewegung und Klang ansprechbare LED-Leuchten formten einen dreidimensionalen, 12 x 6 x 5 Meter großen „Lichtschwarm“, der durch die Aktionen der Passanten ein Eigenleben zu entwickeln schien. Über spezielle Interaktionsplattformen hatten Besucher die Möglichkeit, die Lichtbewegungen des LED-Schwarms zu beeinflussen und ihm ungewöhnliche Klänge zu entlocken. Videoaufnahmen der Installation zeigen: Menschen reagierten auf den „Hive“ ganz ähnlich wie auf den eingangs erwähnten Vogelschwarm – und verfolgten gebannt das raffinierte Schauspiel aus Licht und Ton.

Dass Kunst auch der Werbung den Weg weisen kann, demonstrierten die Schöpfer von „Hive“ ebenfalls eindrucksvoll: Statt ihr Projekt nur mit herkömmlichen Pressemappen, Internetseiten und Video-Channels publik zu machen, organisierten sie Flashmobs, in denen sich Leute in schwarzweißen T-Shirts scheinbar spontan zu „Menschenschwärmen“ zusammenschlossen. So ergänzte sich die Licht-Installation mit Presse- und Öffentlichkeitsarbeit zu einem wegweisenden Gesamtkunstwerk, das gleichermaßen von der Begeisterung für innovative mediale Konzepte wie von der Faszination des Archaischen lebte. Ein bemerkenswerter Ansatz, de auch der Markenkommunikation frische Impulse verleihen kann.

Klickst Du noch oder wohnst Du schon?

Es soll ja Menschen geben, die haben sich im Internet bereits häuslich niedergelassen. Kein Wunder – wozu noch rausgehen aus den eigenen vier Wänden, wenn man Freunde im Web treffen oder Einkäufe auch stressfrei online erledigen kann?

Und wie richtet man sich im Intenet ein? Genauso wie im richtigen Leben – mit Ivar, Billy, Hemnes, Klippan & Co. natürlich! Wie das geht? Das verrät einem Nils, der Vorzeigebewohner der neuen Hej-Community von IKEA.

Schon lange demonstriert IKEA Familiensinn und duzt seine Kunden, als wären es Onkel Fritz, Oma Wilhelmine oder der kleine Klaus aus der Nachbarschaft. Und seit Anfang Februar findet sich die IKEA-Family online zu jeder Tages- und Nachtzeit auf der Hej-Website zusammen, gestaltet Räume nach eigenem Gusto und bittet andere Besucher zur Besichtigung ins virtuelle Heim.

Ogilvy in Frankfurt hat für IKEA mit Hej ein Web-2.0-Konzept entwickelt, das Schule machen könnte. Hier wurde nicht einfach einem Webshop eine Community aufgepfropft, nein, bei Hej sind die Übergänge fließend. Überall gibt es etwas zu entdecken – nicht nur die Wohnzimmer der anderen Community-Bewohner, sondern auch Inspirationen fürs Einrichten, Tipps von Koch-Profis, kleine Filmchen, Gewinnspiele und vieles mehr. Selbst getestet: Man geht rein, fühlt sich wohl, ja fast „zuhause“ – und vergisst beim Herumklicken in Hej auch gerne mal die Zeit.

Egal ob der Einzug in die Hej-Community dann schon am nächsten Wochenende oder in ein paar Monaten zu einem Einkauf im schwedischen Möbelhaus führt: Wer sich einmal bei Hej willkommen gefühlt hat, wird die Marke IKEA sicher als den netten Onkel mit den hübschen Möbeln im Gedächtnis abspeichern. ;-)

Apple greift nach den Sternen

Kein Tag vergeht, an dem nicht in Dutzenden von Medien auch hierzulande mindestens eine News-Meldung über die iPhone-Schmiede Apple die Runde macht. Da wollen wir natürlich nicht hintanstehen – denn schließlich muss jeder unumwunden zugeben, dass es das Team um Steve Jobs versteht wie niemand sonst, eine Marke weltweit perfekt zu positionieren. Egal ob man nun begeisterter Anhänger von Apple-Produkten ist oder nicht – die Marke bleibt permanent im Gespräch.

Markenkommunikation als Selbstläufer – Apple macht vor, wie’s geht, wenn man omnipräsent sein will. Es reichen ein paar kleine, gezielte Impulse: eine der legendären Keynotes hier, ein zufällig (?) in einer Kneipe vergessenes iPhone da. Und schon bricht sie los, die Lawine weltweiter Aufmerksamkeit. Die Medien greifen jede Nachricht begierig auf und verbreiten sie flächendeckend weiter. In Youtube basteln währenddessen schon Witzbolde an neuen Apple-Parodien. Und in die Kult-TV-Serie „The Simpsons“ hat es „Steve Mobs“ auch schon geschafft. Etwas Vergleichbares dürfte seit den Beatles keiner außer Jobs und sein Marketing-Team geschafft haben.

Ja, iPhone und iPad sind sicher auch deshalb so erfolgreich, weil man mit ihnen als Erwachsener lifestyle-gerecht seinem Spieltrieb frönen kann. Die Apps, die der iTunes Store zu Hunderten hierfür bereithält, liefern für jeden Geschmack den passenden Zeitvertreib. Wer es beispielsweise etwas „abgehobener“ mag, greift mit iPhone oder iPad kurzerhand mal nach den Sternen und lädt sich die App Star Walk 4.0 herunter.

Star Walk 4.0 wurde von VITO Technology produziert und bestimmt per GPS die Position des Users. So ist es möglich, den Sternenhimmel exakt so darzustellen, wie er am aktuellen Standort aussieht – komplett mit Erklärungen zu den einzelnen Himmelskörpern, mit Mondphasen sowie Auf- und Untergangszeiten der Sonne. Per Zeitleiste lässt sich der Hobby-Astronom die Sternenkonstellationen für jeden beliebigen Tag anzeigen – animierte Meteoritenschauer inklusive.

Das lässt erahnen, wie künftig romantische Begegnungen frisch verliebter Nerds an lauen Sommerabenden ausfallen könnten:

Sie schmiegt sich wohlig an ihn, schmachtet ihn mit strahlenden Augen an und legt den Kopf auf seine Schulter.
Er: „Schau mal, der Große Wagen …“ … und deutet wissend auf den blitzblanken Screen des iPads in seiner linken Hand …