Archiv für September, 2010

Facebook kommt in die Jahre

Wie lange hat man Fans? Wie dauerhaft sind Freundschaften? Im Zeitalter sozialer Online-Netzwerke haben Begriffe wie „Freundschaft“ eine völlig neue Bedeutung bekommen – begleiten uns Freunde im realen Leben bislang oft über Jahrzehnte hinweg, stehen und fallen die Kontakte zu virtuellen „Freunden“ nicht selten mit dem Erfolg des sozialen Netzwerks, in dem man mit ihnen die Verbindung geknüpft hat. Facebook ist – gegenwärtig – die ideale Plattform, um alte Freundschaften neu zu beleben, Kontakte zu geschätzten Menschen in aller Welt zu pflegen und neue Bekanntschaften zu schließen. Doch so universell das System Facebook auf den ersten Blick wirken mag, ist es dann doch nicht. Die einen stören sich an ungelösten Problemen des Datenschutzes, Business-User fürchten eine unerwünschte, schleichende Vermengung von beruflichen und privaten Inhalten, andere wiederum vermissen weitreichende Möglichkeiten der individuellen Anpassung.

So wird sicher auch in Zukunft eine breite Vielfalt unterschiedlichster Netzwerke existieren, die gezielt völlig verschiedene Alters- und Interessengruppen bedienen können. Auch wenn der Blog MediaWeek kürzlich einige hoffnungsvolle Projekte im Netz aufgestöbert hat, ist derzeit schwer abzusehen, wohin die Entwicklung letztendlich führen wird – schließlich verändern sich auch die Ansprüche und Bedürfnisse der User mit den sich rasch wandelnden technischen Möglichkeiten. Viele Projekte, die noch vor nicht allzu langer Zeit als Offenbarungen gehandelt wurden, fristen heute bereits ein klägliches Nischendasein oder wurden komplett eingestellt. Kaum ein Hahn kräht heute beispielsweise noch nach Second Life. Und erst vor wenigen Wochen hat Google sein Projekt „Wave“ ad acta gelegt. Auch die Begeisterung für einst hochgelobte Business-Netzwerke wie Xing oder LinkedIn scheint gegenwärtig spürbar abzuebben. 

Ob Moshi Monsters für Kinder, mGage für Marketing-Leute oder der vielseitige Aggregator TweetDeck – niemand kann sagen, ob sich einer dieser Ansätze auf Dauer bewähren wird. Gerade angesichts der aktuellen Diskussion um die Datensammelwut und den mangelhaften Schutz der Privatsphäre bei Plattformen wie Facebook dürfte allerdings für viele User das Netzwerk Diaspora interessant sein. Das Open-Source-Projekt auf Peer-to-Peer-Basis will dem User die Kontrolle über seine Daten zurückgeben und wird bereits jetzt als künftiger, scharfer Facebook-Konkurrent gehandelt. Doch auch für diesen Fall gilt: Was heute vielversprechend wirkt, kann im Web morgen schon wieder veraltet sein. Das Positive daran: Das Netz ist voller Leben. Und so wird auch das virtuelle Dasein in sozialen Netzwerken in nächster Zeit kaum der Langeweile und Alltagsroutine anheimfallen.

1984 / 2014

Die Zukunft holt uns immer wieder ein. Zum ersten Mal spürte ich das 1984, in dem Jahr, in dem jeder eifrig darüber nachdachte, welche von George Orwells Visionen schon Realität geworden waren. Nun ja, es waren damals schon einige. Und die Welt kam einem unheimlich modern vor, das Leben war von gefühlter Hektik geprägt – und doch war es für heutige Verhältnisse unglaublich langsam. Und hier beginnt meine eigentliche Geschichte …

1984 pendelte ich oft zwischen Nürnberg und London – per Zug und Schiff. Sehr gemächlich, eine Tagesreise. Auf der Fähre von Ostende nach Dover hatte ich genügend Zeit, mir aktuelle Kinofilme anzuschauen – zum Jahreswechsel war das „James Bond: Never Say Never Again“. Eine Szene beeindruckte mich damals so sehr, dass sie mir auch heute noch immer wieder in den Sinn kommt: Sean Connery und sein Widersacher Klaus Maria Brandauer sitzen sich an einem Tisch gegenüber und treten in einer Art Computer-Spiel gegeneinander an. In der Mitte ein transparenter Screen mit einer dreidimensionalen Weltkugel. Damals für mich in der Realität unvorstellbar. Mittlerweile würde das niemand mehr für besonders futuristisch halten. Im Gegenteil: Heute fordert die Szene fast genauso zu einem amüsierten Lächeln heraus wie die Pappmaché-Kulissen aus der ersten „Star Trek“-Staffel. Wer heute Serien wie „CSI“ oder „Navy CIS“ konsumiert, dem fliegen die transparenten Computerscreens nur so um die Ohren. Da werden Bilder mit einer lässigen Handbewegung auf das Display gezaubert und dann mit den Fingern zurechtgezogen wie auf dem iPhone.

Überhaupt, das iPhone: Seine Touchscreen-Technologie scheint tatsächlich ein neues Bewusstsein für die Wichtigkeit benutzerfreundlicher Interfaces geweckt zu haben. Während man sich früher per „dir“ und „cd“ ohne zu murren durch wirre Verzeichnisstrukturen auf der Festplatte gehangelt hat und sich dabei mit seinem Computer-Geheimwissen ganz toll vorkam, will man es heute ganz einfach haben. Das nahmen die schwedischen Interface-Spezialisten von The Astonishing Tribe zum Anlass, eine Vision zu entwickeln, wie die Benutzer-Interfaces der nahen Zukunft aussehen könnten.

In dem kleinen Film „The Future of Screen Technology“ demonstrieren die Schweden den Tagesablauf des technisierten Menschen um 2014: mit Displays, die sich nach Belieben auseinanderziehen lassen, transparenten Touchscreen-Bildschirmen, Nachrichten-Ticker, die sich am Badspiegel beim Zähneputzen abrufen lassen und Smartphones, zwischen denen man Daten per Fingerbewegung austauschen kann.

Vieles davon erscheint uns heute absurd – wie mir Bonds Spieltisch anno 1984 auch völlig abwegig vorgekommen ist. Trotzdem deutet der Film von The Astonishing Tribe eine Entwicklung an, die so ganz ähnlich stattfinden könnte. Und vielleicht erleben wir ja in den kommenden vier Jahren noch so manches Screendesign, das sogar diese Visionen in den Schatten stellt? Durchaus im Bereich des Möglichen – erst recht wenn man sich vergegenwärtigt, wie rasant die Entwicklung der digitalen Medien in den 26 Jahren seit 1984 vonstatten gegangen ist.

Vielleicht denken wir in einigen Jahren: Die Welt kam einem 2010 unheimlich modern vor, das Leben war von gefühlter Hektik geprägt – und doch war es für heutige Verhältnisse unglaublich langsam …

Entgoogeln Sie sich!

Das Ärgerliche an leistungsfähigen Suchmaschinen: Wir finden meistens genau das, was wir wollen! Google, bing & Co. bedienen unseren Wissensdurst nahezu perfekt – doch was ist, wenn wir uns einfach mal durch die Weiten des Internets treiben lassen wollen, um Neues zu entdecken, frische Inspiration zu gewinnen oder Denkansätze zu finden, die uns bislang fremd waren?

Suchmaschinen beeinflussen unsere Art zu denken. Sie haben uns voll im Griff. Wir überlegen uns schon in vorauseilendem Gehorsam die perfekten Suchphrasen, um möglichst passgenaue Suchergebnisse zu erzielen. Wir hangeln uns an den gefundenen Links entlang und fragen uns gar nicht mehr, ob es links oder rechts davon vielleicht noch etwas anderes gibt, das uns interessieren könnte. Wir googeln uns mit Scheuklappen durch die Welt.

Damit muss jetzt Schluss sein, dachten sich App-Entwickler für iPhone und iPad, und PAGE lenkte kürzlich den Blick der Öffentlichkeit auf zwei interessante Tools für Abstecher jenseits eingefahrener Denkpfade. So grast der auf beiden Plattformen verfügbare „Accidental News Explorer“ um den Suchbegriff herum weitere Themenbereiche ab, die eine Entdeckung wert sein könnten. Und der „Serendipitor“ sucht für den Weg von A nach B nicht wie herkömmliche Routenfinder die kürzeste oder schnellste Strecke, sondern schlägt mit voller Absicht Umwege vor. Denn ab und zu tut es gut, auch mal was anderes zu sehen. Dann geht auch die „normale“ Arbeit mit den Suchmaschinen wieder leichter von der Hand.

Der Bär im Büro

Büromaterial – auf den ersten Blick ein wenig aufregendes Thema. Das Beste dran ist, dass man es von der Steuer absetzen kann. So hab ich zumindest bis gestern gedacht. Doch YouTube hat mich eines Besseren belehrt und mir was zum Nachdenken gegeben: Haben Sie sich nicht auch schon immer wieder mal gefragt, was ein Bär mit Tippfehlern zu tun hat? Nein? Dann sollten Sie sich dringend mal mit dieser Problematik auseinandersetzen – schon weil es Spaß macht, aber auch weil es inspiriert und wieder einen erfrischend neuen Weg aufzeigt, was mit viralem Marketing alles möglich ist. 

Wer will auf YouTube schon ein interaktives Video sehen, auf dem ein Jäger einen Bären erschießt? Auch Sie haben daran sicher kein Interesse. Dann schreiben Sie die Geschichte des Filmchens „A Hunter Shoots a Bear!“ doch einfach um. Der Jäger hilft Ihnen sogar dabei, indem er mit dem Arm aus dem Video heraus nach Tipp-Ex greift und im Film-Titel das Wort „Shoots“ herauslöscht. Letzteres können Sie nun durch ein Wort Ihrer Wahl ersetzen und zuschauen, was Jäger und Bär auf Ihre Anweisungen hin machen. Die Ergebnisse sind oft unerwartet und immer für ein Schmunzeln gut. Selbst für den Fall, dass Sie ein unbekanntes Wort eingeben, haben sich die französische Agentur Buzzman und das Interactive Studio Grouek, die für das Video verantwortlich zeichnen, einen kleinen Gag ausgedacht. Mit Erfolg: Innerhalb kürzester Zeit ist der Bären-Spaß mehr als 2.700.000 Mal angeklickt worden.

So, und jetzt nachdem Sie sich das Video angesehen haben, versuchen Sie bitte, nicht an einen Bären zu denken. Sicher gelingt Ihnen das nicht. Aber für eine Weile wird Ihnen dabei auch Tipp-Ex nicht mehr aus dem Kopf gehen – und Ihnen künftig immer als Urheber dieser sympathischen, augenzwinkernden viralen Aktion im Gedächtnis bleiben.