Sixt: Transport mit ungewissem Ausgang
In den letzten paar Tagen fühlte man sich fast in die frühen Achtziger zurückversetzt: Die Atomkraft-Diskussion ist wieder ein Thema, das Bauern, Familien, Rentner und Jugendliche, Büroangestellte und Fabrikarbeiter gleichermaßen auf die Straßen treibt. Der Beschluss zur Verlängerung der Laufzeiten hiesiger Atomkraftwerke und der Transport der Castor-Behälter ins Zwischenlager Gorleben haben gerade am vergangenen Wochenende deutlich mehr Menschen mobilisiert als in all den Jahren seit Beginn der Atommülltransporte.
Die Proteste der Anti-Atom-Bewegung nutzte die Agentur Jung von Matt für ein gewagtes Spektakel zugunsten des Autovermieters Sixt: Orange gekleidete „Demonstranten“ mischten sich unter die Menge und trugen ein Banner mit dem Slogan „Stoppt teure Transporte! Mietet Van & Truck von Sixt!“ vor sich her. Sowohl Agentur als auch Auftraggeber Sixt feiern ihren „Castor-Coup“ auf sixtblog.de als „beispiellose Guerilla-Aktion“.
Sixt, bekannt für seine witzige Werbung mit teils knallharten politischen Statements, könnte sich am Castor jedoch verhoben haben. Nicht nur auf sixtblog.de, auch in anderen Communities dominiert die harsche Kritik an der Gorleben-Aktion: Viele User kritisieren, dass eine Veranstaltung mit ernsthaftem politischen Hintergrund nicht als Plattform für eine pekuniär orientierte Spaßkampagne missbraucht werden dürfe. „Was kommt als nächstes? Bei Demos gegen Kita-Gebühren-Erhöhungen Kondom-Werbung? Das hat nichts mit Meinungsfreiheit zu tun, sondern mit Anstand“, schreibt beispielsweise ein sixtblog-Leser namens Sven.
Viel Aufmerksamkeit in den Medien hat Sixt mit seinem polarisierenden Demo-Beitrag zweifellos bekommen. Doch nicht jede Publicity ist auch zielführend. Reihenweise haben Einzelkunden und Firmen im Internet bereits kundgetan, Sixt als Dienstleister fortan den Rücken kehren zu wollen. Wie sich die „Van & Truck“-Kampagne jedoch tatsächlich auf die künftigen Umsätze des Autovermieters auswirken wird, bleibt abzuwarten.
Man ist versucht, Sixts „Castor-Coup“ mit der Skandal-Werbekampagne zu vergleichen, mit der der italienische Textilkonzern benetton vor einigen Jahren für Furore sorgte. Doch es gibt einen gravierenden Unterschied: Zwar hat benetton das Leid von HIV-Positiven oder Kriegsopfern für die Werbung instrumentalisiert, mit seinen Darstellungen jedoch auch eine Diskussion über brisante gesellschaftliche Themen entfacht und sich so im Bewusstsein nachhaltig – etwas pathetisch ausgedrückt – als eine Art „soziales Gewissen“ etablieren können. Davon bleiben Sixt und Jung von Matt weit entfernt. Denn ihre Aktion hängt sich nur an die Gorleben-Proteste an, um eine banale „Kauf mich!“-Botschaft zu transportieren. Sixt nimmt nicht Stellung zur Atom-Diskussion, sondern benutzt sie nur. Damit hat Sixt in manchen Kundenkreisen sicher an Glaubwürdigkeit verloren und die orangene Marke einen unschönen Kratzer abbekommen.
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