Archiv für November, 2010

Sixt: Transport mit ungewissem Ausgang

In den letzten paar Tagen fühlte man sich fast in die frühen Achtziger zurückversetzt: Die Atomkraft-Diskussion ist wieder ein Thema, das Bauern, Familien, Rentner und Jugendliche, Büroangestellte und Fabrikarbeiter gleichermaßen auf die Straßen treibt. Der Beschluss zur Verlängerung der Laufzeiten hiesiger Atomkraftwerke und der Transport der Castor-Behälter ins Zwischenlager Gorleben haben gerade am vergangenen Wochenende deutlich mehr Menschen mobilisiert als in all den Jahren seit Beginn der Atommülltransporte.

Die Proteste der Anti-Atom-Bewegung nutzte die Agentur Jung von Matt für ein gewagtes Spektakel zugunsten des Autovermieters Sixt: Orange gekleidete „Demonstranten“ mischten sich unter die Menge und trugen ein Banner mit dem Slogan „Stoppt teure Transporte! Mietet Van & Truck von Sixt!“ vor sich her. Sowohl Agentur als auch Auftraggeber Sixt feiern ihren „Castor-Coup“ auf sixtblog.de als „beispiellose Guerilla-Aktion“.

Sixt, bekannt für seine witzige Werbung mit teils knallharten politischen Statements, könnte sich am Castor jedoch verhoben haben. Nicht nur auf sixtblog.de, auch in anderen Communities dominiert die harsche Kritik an der Gorleben-Aktion: Viele User kritisieren, dass eine Veranstaltung mit ernsthaftem politischen Hintergrund nicht als Plattform für eine pekuniär orientierte Spaßkampagne missbraucht werden dürfe. „Was kommt als nächstes? Bei Demos gegen Kita-Gebühren-Erhöhungen Kondom-Werbung? Das hat nichts mit Meinungsfreiheit zu tun, sondern mit Anstand“, schreibt beispielsweise ein sixtblog-Leser namens Sven.

Viel Aufmerksamkeit in den Medien hat Sixt mit seinem polarisierenden Demo-Beitrag zweifellos bekommen. Doch nicht jede Publicity ist auch zielführend. Reihenweise haben Einzelkunden und Firmen im Internet bereits kundgetan, Sixt als Dienstleister fortan den Rücken kehren zu wollen. Wie sich die „Van & Truck“-Kampagne jedoch tatsächlich auf die künftigen Umsätze des Autovermieters auswirken wird, bleibt abzuwarten.

Man ist versucht, Sixts „Castor-Coup“ mit der Skandal-Werbekampagne zu vergleichen, mit der der italienische Textilkonzern benetton vor einigen Jahren für Furore sorgte. Doch es gibt einen gravierenden Unterschied: Zwar hat benetton das Leid von HIV-Positiven oder Kriegsopfern für die Werbung instrumentalisiert, mit seinen Darstellungen jedoch auch eine Diskussion über brisante gesellschaftliche Themen entfacht und sich so im Bewusstsein nachhaltig – etwas pathetisch ausgedrückt – als eine Art „soziales Gewissen“ etablieren können. Davon bleiben Sixt und Jung von Matt weit entfernt. Denn ihre Aktion hängt sich nur an die Gorleben-Proteste an, um eine banale „Kauf mich!“-Botschaft zu transportieren. Sixt nimmt nicht Stellung zur Atom-Diskussion, sondern benutzt sie nur. Damit hat Sixt in manchen Kundenkreisen sicher an Glaubwürdigkeit verloren und die orangene Marke einen unschönen Kratzer abbekommen.

Pille statt Halstuch

Schon interessant, wie Markenwerbung manchmal funktioniert. Da schickt vor fünf Jahren beispielsweise Mobilfunk-Discounter simyo einen Herrn ins Rennen, der so gar nicht dem Klischee des gelackten Werbemodels entspricht: „Dan Williams“, laut simyo-Blog angeblich Alt-Hippie und Sohn eines kalifornischen Staubsaugervertreters, präsentiert  sich mit altmodischem Jackett und Halstuch als simyo-CEO und preist seinen Mobilfunktarif als erfreuliche Alternative zu den verwirrenden Angeboten anderer Provider an: „Weil einfach einfach einfach ist“.

Unter uns: Besonders sympathisch ist der schmierige Dan mit seinem Halstuch nicht, oder? Und der Dreimal-einfach-Spruch hört sich an, als ob der Anbieter den Kunden für derart minderbemittelt halten würde, dass er ihm die Botschaft in einem Satz gleich mehrfach ins Gedächtnis hämmern muss. Trotzdem: Dan hat simyo als Marke mit Profil fest in den Köpfen der Kunden etabliert. Ein Erfolg.In letzter Zeit ist es etwas ruhiger um Dan geworden, doch jetzt startet simyo eine neue Kampagne, die vor allem die Markenkommunikation neu beleben soll: Die „Pille fürs Handy“, ein neuer Flatrate-Tarif mit „Kostenstopp“, stellt allerdings nicht mehr der alte Dan Williams vor, sondern ein „Tom Lindvoss“, der deutlich lockerer daherkommt als sein Vorgänger und sich mit seinem netten skandinavischen Akzent von aalglatten Typen wie „Marcell D’Avis“ von 1 & 1 unterscheidet: „Sie sahlen nur, was Sie verbrauchen …“

Die Pillen-Kampagne umfasst diesmal auch Social-Media-Aktionen – nicht ohne Grund, denn es gilt, sich gegen andere Anbieter mit einem Modell zu positionieren, das auch mobiles Internet-Surfen noch attraktiver macht. Es wird in jedem Fall spannend, ob der smarte Tom seine Mobilfunk-Marke ähnlich gut verkaufen kann wie der Mann mit dem Halstuch – oder ob den Endkunden simyo künftig als Billiganbieter von Pharmaprodukten im Gedächtnis bleibt.