Archiv für Februar, 2011

Der gegelte Axolotl

Wer sich mit seiner Persönlichkeit als Marke positionieren will, um sein Profil zu schärfen und seinem gesellschaftlichen oder monetären Erfolg damit einen ordentlichen Schub verleihen möchte, sollte sich an ein altes Sprichwort halten: „Ehrlich währt am längsten“. Das mag altbacken klingen, aber gerade in den letzten Tagen hat es sich gezeigt, dass doch sehr viel Wahres in diesen vier Wörtchen steckt.

Blicken wir ein Jahr zurück: Da brachte die damals gerade 17-jährige Jungautorin und Dramaturgen-Tochter Helene Hegemann das zunächst als Sensation gefeierte Machwerk „Axolotl Roadkill“ auf den Markt. Die Feuilletons überschlugen sich mit begeisterten Lobeshymnen – bis ein Blogger Hegemann nachwies, dass große Teile ihres Buches schlicht und einfach abgekupfert waren. Der Skandal schlug hohe Wellen und dürfte die Verkaufszahlen noch einmal  kräftig nach oben getrieben haben. Schließlich wollte ja jeder mitreden, ob es sich im Fall von „Axolotl Roadkill“ nun um banales Abschreiben oder um ein Paradebeispiel für poststrukturalistische „Intertextualität“ handeln würde. Gut, das Buch verkaufte sich, heute ist es schon fast dem Vergessen anheimgefallen. Und Helene Hegemann, einst als hyperbegabte, authentische Nachwuchsschriftstellerin gehandelt, kann jetzt die Reste ihres guten Rufs zusammenkratzen.

Auch wenn Sinn und Zweck des Urheberrechts heute immer wieder in Frage gestellt werden und Hegemanns Buch von manchen Apologeten zum Exempel für eine Kulturtechnik der Zukunft hochstilisiert wurde, es bleibt der Makel des Abschreibens. Hegemann hat damit die Aura der genialen, kaum dem Kindesalter entwachsenen Kreativen verspielt – sozusagen das Kennzeichen und Alleinstellungsmerkmal der Marke „Helene Hegemann“. Durch das exzessive Plagiieren von Texten des Berliner Bloggers Airen und etwa der britischen Band Archive hat Hegemann ihre oft beschworene Authentizität verloren: ihr Werk ist nicht ihres, ihre Marke basierte nicht auf den eigenen Leistungen. Es dürfte schwer sein, diese Scharte wieder auszuwetzen.

Ganz ähnlich ergeht es derzeit Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg, der sich in der Bevölkerung lange Zeit durch Schneid, klare Worte und ein bisschen Adelsglanz besondere Sympathien erwerben konnte. Bislang hat es Guttenberg verstanden, Kritik an seiner Arbeit an sich abperlen zu lassen. Schnelle Entlassungen von vermeintlich Verantwortlichen ließen sich gut als Zeichen von Entschlossenheit verkaufen. So weit, so gut die Marke Guttenberg.

Mehr noch als durch geöffnete Post von Afghanistan-Soldaten und die Vorgänge auf der Gorch Fock könnte Guttenberg jetzt durch eigenes Handeln ins Schlingern geraten – mit seiner Dissertation, in der sich – wie erst jetzt bekannt wurde – wie in Hegemanns „Axolotl Roadkill“ eine ganze Reihe abgeschriebener Passagen finden. Ob Guttenberg seinen Doktor-Titel nun behalten darf oder nicht, ist eigentlich egal – seine „Marke“ hat bereits mit der Veröffentlichung der abgekupferten Stellen bei Spiegel, Süddeutsche & Co. schmerzhaften Schaden genommen. Guttenberg hat etwas von seinem Image des zupackenden „Machers“ eingebüßt – indem er sich zweifelhafterweise an dem bedient hat, was andere vor ihm „gemacht“ haben. Ein paar Anführungszeichen mehr zur Kennzeichnung von Zitaten – Ehrlichkeit im Umgang mit seinen Quellen eben – hätten ihm und seiner Marke dieses Schlamassel ganz einfach ersparen können.

Der tägliche News-Overkill – und doch uninformiert

Rupert Murdoch, australischer Medienmogul, schlägt wieder zu: Diesmal jedoch nicht mit einem neuen Print-Produkt, sondern mit “The Daily”, einem kostenpflichtigen Nachrichten-Angebot für Apples iPad. Wie kürzlich bereits Axel-Springer-Vorstandsvorsitzender Mathias Döpfner, preist auch Murdoch Steve Jobs’ stylischen Tablet-Computer als Retter der weltweiten Zeitungslandschaft. In einem Zeitalter, in dem wegen der vielfältigen kostenlosen News-Angebote im Internet ein Massensterben der Print-Medien eingesetzt hat, würde das iPad den Verlagen neue Einnahmequellen eröffnen. „Neue Zeiten brauchen neuen Journalismus“, verkündete Murdoch laut dpa beim Launch von „The Daily“ in New Yorker Guggenheim-Museum.

Trotz Direktanbindung an Social Media wie Facebook und Twitter oder die Kommentarfunktion bietet „The Daily“ inhaltlich nichts bahnbrechend Neues. Nachrichten bilden nur eine von sechs Rubriken, die in erster Linie nicht der politischen Information, sondern dem Entertainment dienen. Der erste Eindruck: Im Vordergrund steht die schicke Optik, nicht der tiefgründige Inhalt. Angesichts der zahllosen Online-Portale mit ähnlichen Angeboten fragt man sich, wer braucht „The Daily“ und wer würde dafür auch noch Geld ausgeben? Und wo ist da der „neue Journalismus“?

TheDaily

Zeitungen, Magazine und News-Anbieter scheinen in einem Teufelskreis gefangen: Nachrichten aus aller Welt prasseln mit einem atemberaubenden Tempo auf uns ein – und jeder will der Erste sein, der sie veröffentlicht. Schnelligkeit ist alles – sorgfältiges Hinterfragen findet kaum mehr statt, oft genug werden Pressemitteilungen nahezu unverändert und ohne kritische Sichtung einfach übernommen oder brandheiße News von anderen Portalen abgekupfert. Unter Recherche versteht man heute vielfach schon den kurzen Klick in Wikipedia. Der Propaganda und Nachrichten-Manipulation sind damit Tür und Tor geöffnet. Die Pressefreiheit schränkt sich quasi von selber ein.

Die Werbeeinnahmen für Print-Produkte brechen ein, Qualitätsjournalismus scheint auch angesichts der mangelnden Bezahlbereitschaft der Konsumenten für Internet-Content nicht mehr finanzierbar. Produziert wird möglichst billig mit ebenso billigen Arbeitskräften, die teilweise vor lauter Druck nicht einmal mehr ihr Handwerk richtig erlernen. Der Leser ist aber nicht so blöd, dass er das alles nicht irgendwie mitbekommen würde. Für schlampige Arbeit will man aber eben nun mal kein Geld ausgeben. Im Gegenteil: Viele Konsumenten sind es inzwischen leid, sich mit schlecht aufbereitetem Content abspeisen zu lassen, der sich in fast identischer Form auf Hunderten von Portalen findet. Man fühlt sich auf diese Weise einfach nicht informiert – der „neue Journalismus“ von „The Daily“ wird daran nichts ändern, im Gegenteil.

Dass hingegen der Hunger nach kritischer Berichterstattung und investigativem Journalismus wieder im Wachsen begriffen ist, zeigt das große Interesse an Wikileaks. Denn wenn schon traditionsreiche „Qualitätszeitungen“ und die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten angesichts der politischen Umwälzungen in Tunesien und Ägypten nicht einmal mehr ansatzweise ihrem Informationsauftrag nachkommen, ist es höchste Zeit für ein Umdenken – höchste Zeit, dass sich Presse und Journalismus wieder auf ihre Rolle als vierte Säule der Demokratie besinnen, statt sich selbst zum zahnlosen Organ für Hofberichterstattung und oberflächliche Publikumsbespaßung zu degradieren.