Der gegelte Axolotl
Wer sich mit seiner Persönlichkeit als Marke positionieren will, um sein Profil zu schärfen und seinem gesellschaftlichen oder monetären Erfolg damit einen ordentlichen Schub verleihen möchte, sollte sich an ein altes Sprichwort halten: „Ehrlich währt am längsten“. Das mag altbacken klingen, aber gerade in den letzten Tagen hat es sich gezeigt, dass doch sehr viel Wahres in diesen vier Wörtchen steckt.
Blicken wir ein Jahr zurück: Da brachte die damals gerade 17-jährige Jungautorin und Dramaturgen-Tochter Helene Hegemann das zunächst als Sensation gefeierte Machwerk „Axolotl Roadkill“ auf den Markt. Die Feuilletons überschlugen sich mit begeisterten Lobeshymnen – bis ein Blogger Hegemann nachwies, dass große Teile ihres Buches schlicht und einfach abgekupfert waren. Der Skandal schlug hohe Wellen und dürfte die Verkaufszahlen noch einmal kräftig nach oben getrieben haben. Schließlich wollte ja jeder mitreden, ob es sich im Fall von „Axolotl Roadkill“ nun um banales Abschreiben oder um ein Paradebeispiel für poststrukturalistische „Intertextualität“ handeln würde. Gut, das Buch verkaufte sich, heute ist es schon fast dem Vergessen anheimgefallen. Und Helene Hegemann, einst als hyperbegabte, authentische Nachwuchsschriftstellerin gehandelt, kann jetzt die Reste ihres guten Rufs zusammenkratzen.
Auch wenn Sinn und Zweck des Urheberrechts heute immer wieder in Frage gestellt werden und Hegemanns Buch von manchen Apologeten zum Exempel für eine Kulturtechnik der Zukunft hochstilisiert wurde, es bleibt der Makel des Abschreibens. Hegemann hat damit die Aura der genialen, kaum dem Kindesalter entwachsenen Kreativen verspielt – sozusagen das Kennzeichen und Alleinstellungsmerkmal der Marke „Helene Hegemann“. Durch das exzessive Plagiieren von Texten des Berliner Bloggers Airen und etwa der britischen Band Archive hat Hegemann ihre oft beschworene Authentizität verloren: ihr Werk ist nicht ihres, ihre Marke basierte nicht auf den eigenen Leistungen. Es dürfte schwer sein, diese Scharte wieder auszuwetzen.
Ganz ähnlich ergeht es derzeit Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg, der sich in der Bevölkerung lange Zeit durch Schneid, klare Worte und ein bisschen Adelsglanz besondere Sympathien erwerben konnte. Bislang hat es Guttenberg verstanden, Kritik an seiner Arbeit an sich abperlen zu lassen. Schnelle Entlassungen von vermeintlich Verantwortlichen ließen sich gut als Zeichen von Entschlossenheit verkaufen. So weit, so gut die Marke Guttenberg.
Mehr noch als durch geöffnete Post von Afghanistan-Soldaten und die Vorgänge auf der Gorch Fock könnte Guttenberg jetzt durch eigenes Handeln ins Schlingern geraten – mit seiner Dissertation, in der sich – wie erst jetzt bekannt wurde – wie in Hegemanns „Axolotl Roadkill“ eine ganze Reihe abgeschriebener Passagen finden. Ob Guttenberg seinen Doktor-Titel nun behalten darf oder nicht, ist eigentlich egal – seine „Marke“ hat bereits mit der Veröffentlichung der abgekupferten Stellen bei Spiegel, Süddeutsche & Co. schmerzhaften Schaden genommen. Guttenberg hat etwas von seinem Image des zupackenden „Machers“ eingebüßt – indem er sich zweifelhafterweise an dem bedient hat, was andere vor ihm „gemacht“ haben. Ein paar Anführungszeichen mehr zur Kennzeichnung von Zitaten – Ehrlichkeit im Umgang mit seinen Quellen eben – hätten ihm und seiner Marke dieses Schlamassel ganz einfach ersparen können.
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