Archiv für April, 2011

Marken-Hackfleisch

Noch vor wenigen Wochen stand sie groß da und wirkte beinahe unangreifbar: Die Marke Sony war seit Jahrzehnten in aller Welt etabliert und so etwas wie ein Selbstläufer geworden: Immer wieder wurden Klagen von Kunden über schlechten Service laut, doch Sony blieb dennoch stets dick im Geschäft. Bis ihr jetzt ein paar Hacker zeigten, dass man auch der größten Marke mit einem gezielten Stich in die Achillesferse zeigen kann, dass sie nicht allmächtig ist.

Ausgerechnet ein Hightech-Konzern wie Sony, der einen nicht unbedeutenden Teil seines Umsatzes im Web mit Online-Games und dem Playstation Network generiert, stolpert nun über einen Skandal, der offenbart, wie nachlässig Sony nicht nur mit den Anliegen seiner Kunden, sondern auch mit deren Daten umgegangen ist.

Ganz unabhängig davon, welche Motivation die Hacker dazu getrieben hat, persönliche Daten und Passwörter von mehr als 70 Millionen PSN-Usern abzuschöpfen: Für Sony rächt es sich jetzt, dass der Kunde im Markenbild offenbar über lange Jahre hinweg kaum mehr eine Rolle gespielt hatte. Sonys mangelhafte Informationspolitik, Betroffene erst eine Woche nach dem Hackerangriff über den entstandenen Schaden in Kenntnis zu setzen, ist hier das Tüpfelchen auf dem i und nur ein weiteres Beispiel für die schlechte Kundenkommunikation des Konzerns.

Es ist noch nicht im Einzelnen abzusehen, welchen immensen materiellen Schaden der Hackerangriff auf das Playstation Network für Sony über den gegenwärtigen Wertverlust der Aktie hinaus haben wird. Es droht eine Flut von Klagen und Gerichtsverfahren und weltweit ist eine neue Diskussion über den (Verbraucher-)Datenschutz entbrannt. Allein der Image-Verlust für Sony dürfte über viele Jahre hinweg nachwirken. Hier geht es nicht „nur“ um die 70 Millionen User des Playstation Network, die jetzt sicher teilweise ihre Accounts kündigen werden. Nein, es bleibt ein allgemeines Misstrauen, das auch andere Unternehmen und Privatleute davon abhalten wird, mit dem japanischen Konzern Geschäfte zu machen. Es droht eine Kettenreaktion, die das Sony-Imperium langfristig ordentlich ins Trudeln bringen könnte.

Das Beispiel zeigt: Das Web ist zum mächtigen Instrument geworden, das nicht nur zum Sturz von Diktaturen beitragen, sondern auch Marken entmachten kann. Und Sony wird sicher nicht der letzte Konzern bleiben, der auf diese oder ähnliche Weise irgendwann zum Opfer der eigenen mangelhaften Markenkommunikation wird.

Das Logo im Fadenkreuz

Seit Fukushima wird in der Energiedebatte mit härteren Bandagen gekämpft – auch in der Werbung. Und so nimmt sich der Solarstrom-Anbieter SolarWorld in seiner jüngsten Kampagne den Energiekonzern RWE zur Brust und zielt genau dorthin, wo es der Marke am meisten weh tut: aufs Logo. Wie bei horizont.net zu lesen, verfremdete die Bonner Agentur Kreativ Konzept nicht nur das RWE-Logo, sondern auch den Slogan des Konzerns, um bei den Endverbrauchern für den Umstieg zu Erneuerbaren Energien zu werben. Aus „VoRWEg gehen“ (RWE) wird „Weg gehen“, wobei das „R“ hier vor dem „WE“ nach links zur Seite wegkippt.

Eine recht provokante Art der vergleichenden Werbung, bei der man gespannt sein darf, ob dem Ganzen eine juristische Auseinandersetzung folgen wird. Für RWE in jedem Fall eine Gratwanderung. Auf der einen Seite ist das „beschädigte“ Logo ein sehr wirkungsvoller Angriff auf das Image des Energieriesen. Andererseits würde ein vom Zaun gebrochener Rechtsstreit sicherlich das Ansehen von RWE in der Öffentlichkeit weiter schmälern. Es bleibt abzuwarten, ob und wie die beiden Stromanbieter ihren Kampf um die Gunst der Verbraucher weiter zuspitzen werden. Dabei werden aber auch die gegenwärtigen hiesigen Regelungen in Bezug auf vergleichende Werbung auf eine harte Probe gestellt. Sollte das Beispiel SolarWorld Schule machen, dürften Kampagnen mit Seitenhieben auf die Mitbewerber künftig offensiver ausfallen … und der Verbraucher könnte womöglich sogar davon profitieren, wenn Anbieter nicht mehr mit Samt-, sondern mit Boxhandschuhen in den Werbering steigen würden …

Aprilscherz zum Markenkult

Der Online-Shop ThinkGeek verkauft alles, was das Techie-Herz begehrt: vom Star-Trek-Pizzaschneider über essbare iPhone-Hüllen bis hin zum Fußabstreifer mit der IP-Adresse des eigenen WLAN-Routers reicht das Sortiment. Doch pünktlich zum 1. April hatte der nerdige Laden ein neues spektakuläres Produkt im Angebot: Zu Preisen zwischen knapp 50 und 180 US-Dollar war der Playmobil Apple-Store verfügbar – das perfekte Ostergeschenk für den Nachwuchs von Steve-Jobs-Jüngern in aller Welt. Schon die Kleinsten muss man schließlich frühzeitig auf die tolle Konsumerfahrung in einem jener stylischen Apple-Paläste vorbereiten, vor denen sie selbst in etwa 20 Jahren fiebernd Schlange stehen werden, um zu den Ersten zu gehören, die das neue iGadget in Händen halten dürfen.

Der Playmobil Apple-Store wurde bildschirmfüllend und höchst professionell auf dem ThinkGeek-Portal beworben – komplett mit Videopräsentation, die die Vorzüge des Spielzeugs in typisch hochtrabender Apple-Manier („so intuitive!“) von smarten, fröhlich gekleideten, politisch korrekten Menschen ins rechte Licht rücken lässt. Das Set enthält sogar eine Steve-Jobs-Figur und auf der Playmobil-Seite liegt angeblich ein Audio-File mit einer Keynote Speech zum Download bereit. Als Zusatzpack ist eine Menschenschlange erhältlich, die geduldig vor dem Laden wartet, bis sich die Tür in die glitzernde Apple-Welt öffnet … und wer jetzt Blut geleckt hat und auf den „Kaufen“-Button klickt, erfährt die brutale Wahrheit: Die Kooperation der Kultmarken Apple und Playmobil gibt es (bislang) noch nicht – der Playmobil Apple-Store ist nichts weiter als ein hervorragend gemachter Aprilscherz.

Angesichts der Geschwindigkeit, mit der sich der ThinkGeek-Link zum Spielzeug-Apple-Store über Facebook und Blogs verbreitete, dürften jedoch sowohl Playmobil als auch Apple von dieser netten Konsum-Satire profitieren. Und ThinkGeek hat mittlerweile mehr als 43.000 „Gefällt“-Klicks von Facebook-Nutzern eingeheimst. Drei auf einen Streich: Selten war virale Markenwerbung effizienter und witziger – und ein kleiner Schuss Selbstironie setzt sich im Langzeitgedächtnis des potenziellen Kunden zweifellos als positives Signal fest. Eine sehr gelungene Aktion, vor der man nur den Hut ziehen kann.