Archiv für Juni, 2011

It’s Time for Another Revolution

Marken als Statussymbole – da denkt man zuerst an die dicke Rolex am Handgelenk, den Maserati vor der Luxusvilla an der Cote d’Azur, das zweckfreie Gucci-Handtäschchen zum  Designer-Kostüm von … doch neuerdings, in Zeiten von Krisen, Existenzängsten und schwindender Kaufkraft, versuchen sich manche Unternehmen deutlich vom „Edel-Image“ abzugrenzen und suchen bewusst die Nähe zum „gemeinen Volk“. Zuweilen ist das durchaus mit einem Wagnis verbunden – wenn beispielsweise Renault für den Dacia-Logan-Werbespot Karl Marx, Rosa Luxemburg, Lenin, Fidel Castro und Che Guevara aufmarschieren lässt, um die Notwendigkeit einer neuen sozialistischen Revolution zu beschwören. Die Konsumenten scheinen diese Art von Humor jedoch verstanden zu haben und zu schätzen zu wissen. Niemand hätte schließlich noch vor ein paar Jahren gedacht, wie viele Dacias heute auf unseren Straßen unterwegs sind …

Den Erfolg haben die Dacia-Stammagentur Nordpol und die Produktionsfirma Element E zum Anlass genommen, die „Revolution“ noch weiterzutreiben: Statussymbole werden kurzerhand in Status-Symptome umgedeutet – Dacia erscheint als Marke für diejenigen, die selbstbewusst genug sind, um herkömmliche Statussymbole nicht mehr nötig zu haben. Nordpol trifft damit offensichtlich den richtigen Nerv. Es soll sogar Wohlhabende geben, die die traditionellen Statussymbole mittlerweile als „unanständige“ Protzerei betrachten und sich mit bewusstem Understatement davon distanzieren. So mag es durchaus sein, dass der Dacia-Fahrer vor Ihnen Anwalt in einer renommierten Kanzlei ist. Andere – so suggerieren es die kurzen Videos auf http://www.status-symptome.de/akut – verfallen in die Status-Panik und wissen sich nur noch mit roher Gewalt gegen den Vormarsch der statusneutralen Marken zu wehren. Der Humor der Status-Symptome-Website ist frech und derb – aber gerade deswegen wird der Link gerade im Netz gerne von den Usern weiterverbreitet.

Anders als Renaults Billigmarke Dacia hat die indische Automarke Tata mit dem rund 2.000 Euro teuren Nano erhebliche Absatzprobleme. Bereits Ende vergangenen Jahres machte Tata-CEO Carl-Peter Forster schlechtes Marketing für die schleppenden Verkäufe verantwortlich. Fast möchte man rufen: Nordpol, übernehmen Sie! ;-)

Jetzt erst mal langsam!

Manchmal ist es schon wunderbar, wie sich die Ereignisse überschneiden. Vergangene Woche fragte ein Bekannter, der für einen großen Sportartikelhersteller arbeitet: „Muss man heute noch mit seinem Internetauftritt Rücksicht auf Leute nehmen, die sich schwerfällig mit dem Modem ins Web ,einwählen´?“ Modem … wer kennt das heute noch? Damals, in den Neunzigern, ging man noch mit sage und schreibe 14,4 Kbps ins Internet und konnte erst mal gemütlich zum Einkaufen gehen, bis sich eine aufwendiger gestaltete Seite auf dem Bildschirm aufgebaut hatte. Heute, so sollte man meinen, sind fast alle Internet-User mit DSL unterwegs – viele davon mit einer 16.000er Bandbreite. Doch weit gefehlt. Auch 2011 gehen noch zahlreiche User per Modem online und nutzen vergleichsweise langsame ISDN-Verbindungen.

Einen anderen Bekannten von mir hat es – ebenfalls in der vergangenen Woche – kalt erwischt. Bislang mitten in der Stadt wohnhaft und verwöhnt von einer superschnellen DSL-Leitung, hat sich besagter Bekannter in den letzten Monaten ein Häuschen auf dem Land gebaut. Und dort ist erst mal Schluss mit der flotten Internet-Verbindung – denn trotz Merkels Mahnung, schnelles Internet möglichst bald flächendeckend in ganz Deutschland bereitzustellen, mahlen die Mühlen der Telekom langsam. So schnell und unerwartet kann einen die Realität ausbremsen …

Die Moral von der Geschicht: Unternehmen, deren Zielgruppe nicht unbedingt nur aus internetsüchtigen Nerds besteht, sollten auch heute noch die teilweise veraltete Technik berücksichtigen, die in vielen „Normal-User-Haushalten“ arbeitet. Flash-lastige Seiten etwa, die bei ISDN-Verbindungen erst mal eine halbe Stunde laden und dann ruckelnde Animationen abspielen, fördern bei Modem- und ISDN-Nutzern kaum die Lust, länger zu verweilen und sich eingehend über das Produkt- oder Dienstleistungsangebot zu informieren. Wie so oft, ist eben auch im Internet weniger mehr. Es geht primär um die schnelle Information, die in ästhetisch ansprechender Weise dargeboten wird. Es geht nicht darum zu zeigen, was sich mit modernen Mitteln alles realisieren lässt. Konzentrierte Einfachheit ist schön und echte Kunst. Warum also mit unnötigem Schnickschnack User und potenzielle Kunden vergraulen?