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Jetzt erst mal langsam!

Manchmal ist es schon wunderbar, wie sich die Ereignisse überschneiden. Vergangene Woche fragte ein Bekannter, der für einen großen Sportartikelhersteller arbeitet: „Muss man heute noch mit seinem Internetauftritt Rücksicht auf Leute nehmen, die sich schwerfällig mit dem Modem ins Web ,einwählen´?“ Modem … wer kennt das heute noch? Damals, in den Neunzigern, ging man noch mit sage und schreibe 14,4 Kbps ins Internet und konnte erst mal gemütlich zum Einkaufen gehen, bis sich eine aufwendiger gestaltete Seite auf dem Bildschirm aufgebaut hatte. Heute, so sollte man meinen, sind fast alle Internet-User mit DSL unterwegs – viele davon mit einer 16.000er Bandbreite. Doch weit gefehlt. Auch 2011 gehen noch zahlreiche User per Modem online und nutzen vergleichsweise langsame ISDN-Verbindungen.

Einen anderen Bekannten von mir hat es – ebenfalls in der vergangenen Woche – kalt erwischt. Bislang mitten in der Stadt wohnhaft und verwöhnt von einer superschnellen DSL-Leitung, hat sich besagter Bekannter in den letzten Monaten ein Häuschen auf dem Land gebaut. Und dort ist erst mal Schluss mit der flotten Internet-Verbindung – denn trotz Merkels Mahnung, schnelles Internet möglichst bald flächendeckend in ganz Deutschland bereitzustellen, mahlen die Mühlen der Telekom langsam. So schnell und unerwartet kann einen die Realität ausbremsen …

Die Moral von der Geschicht: Unternehmen, deren Zielgruppe nicht unbedingt nur aus internetsüchtigen Nerds besteht, sollten auch heute noch die teilweise veraltete Technik berücksichtigen, die in vielen „Normal-User-Haushalten“ arbeitet. Flash-lastige Seiten etwa, die bei ISDN-Verbindungen erst mal eine halbe Stunde laden und dann ruckelnde Animationen abspielen, fördern bei Modem- und ISDN-Nutzern kaum die Lust, länger zu verweilen und sich eingehend über das Produkt- oder Dienstleistungsangebot zu informieren. Wie so oft, ist eben auch im Internet weniger mehr. Es geht primär um die schnelle Information, die in ästhetisch ansprechender Weise dargeboten wird. Es geht nicht darum zu zeigen, was sich mit modernen Mitteln alles realisieren lässt. Konzentrierte Einfachheit ist schön und echte Kunst. Warum also mit unnötigem Schnickschnack User und potenzielle Kunden vergraulen?

Brot für die Marke

Kurze URLs sind schon etwas Praktisches – wer twittert, weiß die Möglichkeit, ellenlange Links auf wenige Zeichen zusammenzustauchen, sehr zu schätzen. Ein junges Unternehmen will das Verfahren jetzt für Werbezwecke nutzbar machen.  Bre.ad heißt ihr System, das beim Anklicken des Links erst für fünf Sekunden eine Werbeseite anzeigt, bevor der User zu seinem tatsächlichen Ziel weitergeleitet wird. Die Inhalte der Werbeseite kann derjenige selbst gestalten, der den verkürzten Link verschickt – sei es ein Hinweis auf das eigene Unternehmen, ein bestimmtes Produkt oder eine Kampagne zu einem guten Zweck. Neben der Textmessage kann ein 720 x 300 Pixel großes Bild in die Werbe-Message mit eingebunden werden – ideal, um die Kurz-Links wirkungsvoll mit Botschaften zur eigenen Marke aufzuladen. Gegenwärtig noch in der Testphase, hinterlässt bre.ad einen vielversprechenden Eindruck. Die zwischengeschaltete Werbung – auch Toast genannt – wirkt unaufdringlich und persönlich zugleich. Zumindest für eine Weile dürfte sich damit sehr effizient Aufmerksamkeit erzielen lassen.

Laut Mashable hat Lady Gaga schon einen Account. Weitere 500 User, die rechtzeitig über die Mailadresse mashable@bre.ad ihr Interesse bekunden, können an der bald anstehenden Beta-Phase teilnehmen.

Wii shall overcome?

Jetzt muss ich einmal ganz dick auftragen: Ich war schon als Kind ein Visionär. Gemeinsam mit meinem Cousin saß ich zu Zeiten, als Fernsehen noch überwiegend schwarzweiß und auf drei Programme beschränkt war, in einem Dachgeschosszimmer. Bewaffnet mit bunt isolierten Drahtstücken, Pappe, Reißnägeln, Plastikabfall, kleinen Glühbirnen, Uhu, Schere, Bleistift und Filzschreibern machten wir uns an die Arbeit. Wir nahmen leere Streichholzschachteln und ordneten darin kunstvoll und „technisch aussehend“ unsere Bauteile an. Wir überklebten das Etikett der Schachtel mit weißem Papier und zeichneten mit feinen Strichen Bedienkonsolen darauf. Wir nannten diese Kreationen „Allesgeräte“, denn in unserer Fantasie konnte man alles damit machen: Telefonieren, Fernsehen, fremde Autos James-Bond-mäßig in die Luft jagen und und und … Mein Cousin und ich waren damals ein eingeschworenes Team. Er war X-7 und ich X-8. Und wir trugen unsere Allesgeräte immer mit uns in der Hosentasche herum. Man wusste ja nie, wann man mal in die Verlegenheit kommen würde, Goldfinger oder Dr. No unschädlich machen zu müssen.

Naja, heute sind diese Allesgeräte Realität. Fast jeder schleppt heute ein Smartphone mit sich herum. Und noch vor ein, zwei Jahren hätte niemand für möglich gehalten, wie sehr Smartphones und Tablets unsere ganze Welt verändern würden. Auch ganz ohne Dr. No, Scaramanga, Blofeld und Goldfinger.

Jetzt hat es auch die Spiele-Industrie erwischt. Auf der Entwicklerkonferenz Quo Vadis 2011, die jüngst in Berlin stattfand, wurde die Tragweite des Trends zu Smartphone und Tablet-PC auch für diesen Sektor deutlich. Hieß es vor Jahren noch, der PC als Spielgerät sei tot und die Zukunft würde den Konsolen gehören, haben die Konsolen nun mit iPhone, iPad & Co. massive Konkurrenz bekommen. Nintendos neue 3D-Konsole verkauft sich derzeit schleppender als erwartet und der Datenskandal um Sonys Playstation Network tut ein Übriges, um Fans weiter zu vergraulen. Konsolenspiele sind überdies teuer – App-Stores bieten hochwertige Games für Smartphones und Tablets hingegen bereits für wenige Euros an. Mit zunehmender Leistungsfähigkeit der mobilen Endgeräte und günstigen Flatrates dürfte sich dieser Trend noch weiter verschärfen. Wer hier weiter bestehen will, braucht außergewöhnliche Bedienkonzepte wie Nintendos Wii oder Microsofts Kinect. Doch angesichts der rasanten Entwicklung läuft jeder Hersteller Gefahr, dass ein von langer Hand vorbereitetes Produkt bereits bei Release schon wieder den Anschluss verloren hat.

Fazit: Wer heutzutage ein innovatives, zukunftssicheres Allesgerät bauen will, muss tatsächlich ein außerordentlich begabter Visionär sein …

 

Der Apfel färbt ab

Schiefertafel – in meiner Grundschulzeit eine geniale Sache. Man konnte mit dem Griffel drauflos werkeln, und wenn was nicht gut war: einfach Schwamm drüber! Heute erledigt man das Ganze digital. Was für ein Fortschritt, als man von der Schreibmaschine und Tippex zu Textverarbeitungssoftware und Delete-Taste übergehen konnte. Endlich saubere Ausdrucke ohne offensichtliche nachträgliche Korrekturen!

Und jetzt der Schritt zurück nach vorn: die digitale Schiefertafel. Zuerst von Spöttern als überflüssiges Zeitgeist-Gimmick belächelt, offenbaren Tablet-Computer wie Apples iPad, das auch in Deutschland bald in der zweiten Generation verfügbar sein wird, allmählich einen Nutzwert, der anfangs kaum zu erkennen war. Natürlich lässt sich über die Angemessenheit der restriktiven App-Politik von Steve Jobs’ Unternehmen streiten. Trotzdem schießen iPad- und iPhone-Apps wie Pilze aus dem Boden – und werden oft von Unternehmen als Plattform für die zeitgemäße Kundenansprache genutzt. Ob Autokonzern oder Immobilienvermittler – die kostenlose App gehört mittlerweile vielfach zum guten Ton.

Es soll sogar schon Versicherungskonzerne geben, die ihre Außendienstler beim Kunden statt mit Printbroschüren oder Powerpoints auf dem Laptop mit dem iPad vorsprechen lassen. Mit dem ultrahippen Lifestyle-Statussymbol iPad transportiert selbst der trockenste Vertreter der Kundenberater-Zunft die Message, dass er für ein aufgeschlossenes, modernes Unternehmen steht. Großartiger Nebeneffekt: Anders als das Notebook hebt das iPad die Distanz zum Gegenüber auf. Gemeinsam frönt man dem Spieltrieb und kann ganz nebenbei die Informationen (oder Werbebotschaften) weitergeben, auf die es eigentlich ankommt.

Das Interessante dabei: Immer wieder wird diskutiert, ob man mit iPad- oder iPhone-Apps nicht die Mehrheit der User anderer Systeme als Kundenzielgruppe vernachlässigt. In Wirklichkeit scheint diese Frage eher nebensächlich zu sein. Worauf es ankommt, ist, dass ein Unternehmen bzw. eine Marke hippe Kommunikationskanäle wie das iPad für alle sichtbar nutzt. Das wertet die Marke auf und lässt sozusagen etwas von dem Glamour des Apple-Lifestyle-Objekts auf die Marke überspringen – vorausgesetzt, es beißt sich nicht komplett mit der sonstigen Gestaltung des Markenauftritts.

Wer iPad & Co. souverän in der Kundenkommunikation einsetzt, umgibt sich mit der Aura des Fortschrittlichen, des den schönen und wertigen Dingen des Lebens Zugetanen. Die Marke profitiert davon – egal ob der Kunde nun selbst ein iPhone oder iPad sein Eigen nennt oder nicht. Was für die Marke zählt, ist die unterschwellige Message: „Ich lebe am Puls der Zeit. Für mich sind Funktion und Ästhetik aufs Engste miteinander verknüpft. Und ich halte trotz knallhartem Business für meine Kunden einen gewissen Entertainment-Faktor bereit.“ Somit fungieren etwa iPad  und iPhone nicht nur als Werkzeuge für die Vermittlung der Markenbotschaft, sondern werden bis zu einem gewissen Grad sogar selbst deren Träger. Ganz nach dem Motto der Borg in Star Trek: „Widerstand ist zwecklos. Sie werden assimiliert. Widerstand ist zweck …“ ;-)

Mit Freunden Geschäfte machen

Kaum ein Internet-Phänomen ist derzeit so heftig umstritten wie Facebook. Im Vordergrund steht dabei häufig die Angst, die Kontrolle über persönliche Daten zu verlieren und zum Spielball von Konzernen, Werbung oder sogar politischer Interessengruppen zu werden. Wie immer, wenn etwas neu ist, überwiegen zunächst die Bedenken – dabei sind wir auch ohne Facebook längst zu „gläsernen Bürgern“ geworden.

Sicher müssen Datenschutz und Persönllichkeitsrechte sehr ernst genommen werden. Aber in der aktuellen öffentlichen Facebook-Diskussion gerät die andere Seite der Medaille zunehmend ins Hintertreffen: das enorme Potenzial, das Facebook nicht nur für das Pflegen privater Kontakte hat, sondern auch für die Kommunikation auf B2B- und B2C-Ebene.

So ermöglicht es Facebook Händlern und Unternehmen, über eigene Profilseiten die emotionale Brücke zum Kunden zu schlagen und Vertrauen aufzubauen. Der persönliche Kontakt zwischen Kunden und Anbieter kann also schon hergestellt werden, bevor Ersterer überhaupt den Laden betritt. Praktisch: Der Kunde kann sich vorab ein klares Bild vom Verkäufer machen und weiß unter Umständen sogar schon, wer sein persönlicher Ansprechpartner ist.

Bei der Beziehung zwischen Händler und Kunden erweist sich gerade die Transparenz von Facebook als großer Vorteil: Mit einem Blick auf die unternehmenseigene Pinnwand wird es für den Händler deutlich, wie gut sein Auftritt beim Kunden ankommt und wo Optimierungsbedarf besteht. Und der Interessent erkennt sofort, wie intensiv sich der Händler um seine Kunden kümmert, wie schnell und wie ausführlich Anfragen beantwortet werden und wie umfangreich das Service-Angebot ausfällt.

Facebook bedeutet für Werbe- und Marketingabteilungen die Abkehr vom reinen Kampagnendenken. An die Stelle von zeitlich befristeten Aktionen setzt Facebook die dauernde Präsenz. Wer hier durch Rührigkeit, Kundennähe und Vertrauenswürdigkeit überzeugt, hat beim Kunden automatisch die besseren Karten – und das ohne großen Aufwand an Zeit und Personalressourcen.

Nur einen Fehler sollte man als Händler vermeiden: Facebook ist als direkter Verkaufskanal nur bedingt geeignet. Man sollte das Portal vielmehr als Medium nutzen, sein eigenes Profil zu schärfen und durch nachhaltigen, intensiven Kontakt mit dem Kunden eine dauerhafte Vertrauensbasis zu schaffen. Dann läuft es mit den Verkäufen auch ganz von selbst …

Sixt: Transport mit ungewissem Ausgang

In den letzten paar Tagen fühlte man sich fast in die frühen Achtziger zurückversetzt: Die Atomkraft-Diskussion ist wieder ein Thema, das Bauern, Familien, Rentner und Jugendliche, Büroangestellte und Fabrikarbeiter gleichermaßen auf die Straßen treibt. Der Beschluss zur Verlängerung der Laufzeiten hiesiger Atomkraftwerke und der Transport der Castor-Behälter ins Zwischenlager Gorleben haben gerade am vergangenen Wochenende deutlich mehr Menschen mobilisiert als in all den Jahren seit Beginn der Atommülltransporte.

Die Proteste der Anti-Atom-Bewegung nutzte die Agentur Jung von Matt für ein gewagtes Spektakel zugunsten des Autovermieters Sixt: Orange gekleidete „Demonstranten“ mischten sich unter die Menge und trugen ein Banner mit dem Slogan „Stoppt teure Transporte! Mietet Van & Truck von Sixt!“ vor sich her. Sowohl Agentur als auch Auftraggeber Sixt feiern ihren „Castor-Coup“ auf sixtblog.de als „beispiellose Guerilla-Aktion“.

Sixt, bekannt für seine witzige Werbung mit teils knallharten politischen Statements, könnte sich am Castor jedoch verhoben haben. Nicht nur auf sixtblog.de, auch in anderen Communities dominiert die harsche Kritik an der Gorleben-Aktion: Viele User kritisieren, dass eine Veranstaltung mit ernsthaftem politischen Hintergrund nicht als Plattform für eine pekuniär orientierte Spaßkampagne missbraucht werden dürfe. „Was kommt als nächstes? Bei Demos gegen Kita-Gebühren-Erhöhungen Kondom-Werbung? Das hat nichts mit Meinungsfreiheit zu tun, sondern mit Anstand“, schreibt beispielsweise ein sixtblog-Leser namens Sven.

Viel Aufmerksamkeit in den Medien hat Sixt mit seinem polarisierenden Demo-Beitrag zweifellos bekommen. Doch nicht jede Publicity ist auch zielführend. Reihenweise haben Einzelkunden und Firmen im Internet bereits kundgetan, Sixt als Dienstleister fortan den Rücken kehren zu wollen. Wie sich die „Van & Truck“-Kampagne jedoch tatsächlich auf die künftigen Umsätze des Autovermieters auswirken wird, bleibt abzuwarten.

Man ist versucht, Sixts „Castor-Coup“ mit der Skandal-Werbekampagne zu vergleichen, mit der der italienische Textilkonzern benetton vor einigen Jahren für Furore sorgte. Doch es gibt einen gravierenden Unterschied: Zwar hat benetton das Leid von HIV-Positiven oder Kriegsopfern für die Werbung instrumentalisiert, mit seinen Darstellungen jedoch auch eine Diskussion über brisante gesellschaftliche Themen entfacht und sich so im Bewusstsein nachhaltig – etwas pathetisch ausgedrückt – als eine Art „soziales Gewissen“ etablieren können. Davon bleiben Sixt und Jung von Matt weit entfernt. Denn ihre Aktion hängt sich nur an die Gorleben-Proteste an, um eine banale „Kauf mich!“-Botschaft zu transportieren. Sixt nimmt nicht Stellung zur Atom-Diskussion, sondern benutzt sie nur. Damit hat Sixt in manchen Kundenkreisen sicher an Glaubwürdigkeit verloren und die orangene Marke einen unschönen Kratzer abbekommen.

Der King wackelt wieder

Erinnern Sie sich noch an den TV-Werbespot von Audi, in dem eine Elvis-Wackelfigur auf dem Armaturenbrett die Hauptrolle spielte? Die Aktion war ungeheuer erfolgreich: Der King als Wackel-Ikone fürs Auto wurde mit einem Schlag zum Kultobjekt, und das kleine Plastikmännchen verkaufte sich wie geschnitten Brot. Kaum eine Straße, kaum ein Parkplatz, kaum eine Kreuzung, an der man nicht in Dutzenden von Fahrzeugen zusehen konnte, wie Elvis die Hüften kreisen ließ.

Audi versteht es, Werbemittel nachhaltig einzusetzen – und Kreativität, Humor und Coolness als prägende Kennzeichen der Marke wirken zu lassen. Längst vergessen geglaubt, holt Audi den King nun noch einmal hervor, um Facebook-User auf die Seite des Ingolstädter Autobauers zu locken: Der letzte verfügbare Wackel-Elvis aus den Werbespots soll im Rahmen eines Gewinnspiels einen liebevollen „Paten“ finden.

„Eine Ikone sucht ihren größten Fan und ein neues Zuhause“ heißt die Aktion, bei der sich User per Foto als die besten Paten für Elvis bewerben können. Wer bis 27. Oktober das coolste Foto an facebook@audi.de einschickt, hat gute Chancen, Besitzer des letzten Wackel-Elvis zu werden. Die bisherigen Einsender beweisen Humor, Mut zum Trash und Unbestechlichkeit: Vom zugemüllten Schreibtisch bis zum Cockpit eines Passagierflugzeugs sind die unterschiedlichsten, nicht immer „Audi-affinen“ Lebensräume für den alten Elvis vertreten. Ein User gelobt gar, im Auto einen Altar zu errichten und jeden Tag für den King ein Räucherstäbchen zu entzünden.

Ein geschickter Schachzug von Audi: Stellte schon der Wackel-Elvis-Werbespot eine untrennbare Verbindung der Automarke mit dem zeitlosen Rock`n´Roll-Idol her, macht Audi jetzt seine TV-Werbung selbst zum Kult, der locker die Jahre überdauert. Auch „Vorsprung durch Technik“ kommt eben nicht ohne ausgeprägte Tradition und Geschichte aus …

Karotten auf Äpfeln

Alte Mütterweisheit: Der Verzehr von Karotten soll für die Augen gut sein. Dass das gelbe Wurzelgemüse jedoch auch zum coolen Lifestyle-Objekt taugt, ist neu. Zu verdanken hat das die Karotte einem Apfel. Denn wer es einmal geschafft hat, sich als Protagonist einer App auf Apples iPhone zu etablieren, dem muss man zweifellos eine gewisse Hipness bescheinigen. Gemeinsam mit Crispin Porter & Bogusky hat der Gemüsehersteller Bolthouse Farms die Babykarotte aufs iPhone gebracht, um sie Lifestyle-orientierten Konsumenten als Junkfood schmackhaft zu machen. Natürlich gelingt das nicht, wenn die Gelberübe nur dekorativ in der Gegend herumliegt. Nein, die knackigen Vitaminschleudern drehen in dem iPhone-Werbespiel »Xtreme Crunch Cart« ordentlich auf: Der Spieler heizt mit seinem Einkaufswagen in atemberaubendem Tempo über Häuserschluchten hinweg, vollführt waghalsige Sprünge, nur um überall in der Stadt die nahrhaften Baby-Karotten einzusammeln. Bleibt nur zu hoffen, dass »Xtreme Crunch Cart«-Spieler ihre iPhone-Stunts nicht beim nächsten Gemüseeinkauf aufs reale Leben übertragen …

Gegenwärtig testen zahlreiche innovationsfreudige Anbieter von Consumer-Produkten das enorme Werbepotenzial von Mobile Games aus – oft im Rahmen aufwändiger crossmedialer Kampagnen. Meist geht es dabei ähnlich rasant zu wie in der Gemüsehatz der Bolthouse Farms. So lässt der deutsche Entwickler Fishlabs die User für Barclaycard eine Wasserrutsche hinabjagen oder lädt für VW zur virtuellen Probefahrt mit dem Spritspar-Modell Polo BlueMotion ein. Spiegel Online hingegen setzt mehr auf Köpfchen und wirbt in der iPhone-App „Spiegel Online Wissenstrainer“ mit anspruchsvollen Fragen aus den unterschiedlichsten Wissensgebieten.

Problematisch: Im allgemeinen App-Fieber, das mit dem iPhone-Hype einhergeht, vergisst so mancher Werber, dass sich mit Apples Plattform nur ein relativ kleiner Teil der Zielgruppe erreichen lässt. So weist der aktuelle „Mobile Web Device Report“ von Netbiscuits darauf hin, dass das iPhone zu Beginn des Jahres in Deutschland gerade eine Marktdurchdringung von 28,64 % erzielte – dicht gefolgt von einem Nokia-Smartphone (24,35 %). Insgesamt zählte Netbiscuits im Januar 2010 in Deutschland 954 verschiedene mobile Endgeräte, mit denen User auf mobile Web-Angebote zugriffen. Wer also beim Werben ausschließlich auf iPhone-Apps setzt, lässt sich unter Umständen den größeren Teil seiner Zielgruppe durch die Lappen gehen. Software-Standards, die es erlauben, Programme ohne große Mühe und wirtschaftlichen Aufwand von einer Plattform auf jede beliebige andere zu portieren, können hier Abhilfe schaffen. Wünschenswert wäre das allemal: Es soll schließlich auch Symbians, Androids oder Badas geben, die von Zeit zu Zeit gerne an einer Karotte knabbern …

1984 / 2014

Die Zukunft holt uns immer wieder ein. Zum ersten Mal spürte ich das 1984, in dem Jahr, in dem jeder eifrig darüber nachdachte, welche von George Orwells Visionen schon Realität geworden waren. Nun ja, es waren damals schon einige. Und die Welt kam einem unheimlich modern vor, das Leben war von gefühlter Hektik geprägt – und doch war es für heutige Verhältnisse unglaublich langsam. Und hier beginnt meine eigentliche Geschichte …

1984 pendelte ich oft zwischen Nürnberg und London – per Zug und Schiff. Sehr gemächlich, eine Tagesreise. Auf der Fähre von Ostende nach Dover hatte ich genügend Zeit, mir aktuelle Kinofilme anzuschauen – zum Jahreswechsel war das „James Bond: Never Say Never Again“. Eine Szene beeindruckte mich damals so sehr, dass sie mir auch heute noch immer wieder in den Sinn kommt: Sean Connery und sein Widersacher Klaus Maria Brandauer sitzen sich an einem Tisch gegenüber und treten in einer Art Computer-Spiel gegeneinander an. In der Mitte ein transparenter Screen mit einer dreidimensionalen Weltkugel. Damals für mich in der Realität unvorstellbar. Mittlerweile würde das niemand mehr für besonders futuristisch halten. Im Gegenteil: Heute fordert die Szene fast genauso zu einem amüsierten Lächeln heraus wie die Pappmaché-Kulissen aus der ersten „Star Trek“-Staffel. Wer heute Serien wie „CSI“ oder „Navy CIS“ konsumiert, dem fliegen die transparenten Computerscreens nur so um die Ohren. Da werden Bilder mit einer lässigen Handbewegung auf das Display gezaubert und dann mit den Fingern zurechtgezogen wie auf dem iPhone.

Überhaupt, das iPhone: Seine Touchscreen-Technologie scheint tatsächlich ein neues Bewusstsein für die Wichtigkeit benutzerfreundlicher Interfaces geweckt zu haben. Während man sich früher per „dir“ und „cd“ ohne zu murren durch wirre Verzeichnisstrukturen auf der Festplatte gehangelt hat und sich dabei mit seinem Computer-Geheimwissen ganz toll vorkam, will man es heute ganz einfach haben. Das nahmen die schwedischen Interface-Spezialisten von The Astonishing Tribe zum Anlass, eine Vision zu entwickeln, wie die Benutzer-Interfaces der nahen Zukunft aussehen könnten.

In dem kleinen Film „The Future of Screen Technology“ demonstrieren die Schweden den Tagesablauf des technisierten Menschen um 2014: mit Displays, die sich nach Belieben auseinanderziehen lassen, transparenten Touchscreen-Bildschirmen, Nachrichten-Ticker, die sich am Badspiegel beim Zähneputzen abrufen lassen und Smartphones, zwischen denen man Daten per Fingerbewegung austauschen kann.

Vieles davon erscheint uns heute absurd – wie mir Bonds Spieltisch anno 1984 auch völlig abwegig vorgekommen ist. Trotzdem deutet der Film von The Astonishing Tribe eine Entwicklung an, die so ganz ähnlich stattfinden könnte. Und vielleicht erleben wir ja in den kommenden vier Jahren noch so manches Screendesign, das sogar diese Visionen in den Schatten stellt? Durchaus im Bereich des Möglichen – erst recht wenn man sich vergegenwärtigt, wie rasant die Entwicklung der digitalen Medien in den 26 Jahren seit 1984 vonstatten gegangen ist.

Vielleicht denken wir in einigen Jahren: Die Welt kam einem 2010 unheimlich modern vor, das Leben war von gefühlter Hektik geprägt – und doch war es für heutige Verhältnisse unglaublich langsam …

Entgoogeln Sie sich!

Das Ärgerliche an leistungsfähigen Suchmaschinen: Wir finden meistens genau das, was wir wollen! Google, bing & Co. bedienen unseren Wissensdurst nahezu perfekt – doch was ist, wenn wir uns einfach mal durch die Weiten des Internets treiben lassen wollen, um Neues zu entdecken, frische Inspiration zu gewinnen oder Denkansätze zu finden, die uns bislang fremd waren?

Suchmaschinen beeinflussen unsere Art zu denken. Sie haben uns voll im Griff. Wir überlegen uns schon in vorauseilendem Gehorsam die perfekten Suchphrasen, um möglichst passgenaue Suchergebnisse zu erzielen. Wir hangeln uns an den gefundenen Links entlang und fragen uns gar nicht mehr, ob es links oder rechts davon vielleicht noch etwas anderes gibt, das uns interessieren könnte. Wir googeln uns mit Scheuklappen durch die Welt.

Damit muss jetzt Schluss sein, dachten sich App-Entwickler für iPhone und iPad, und PAGE lenkte kürzlich den Blick der Öffentlichkeit auf zwei interessante Tools für Abstecher jenseits eingefahrener Denkpfade. So grast der auf beiden Plattformen verfügbare „Accidental News Explorer“ um den Suchbegriff herum weitere Themenbereiche ab, die eine Entdeckung wert sein könnten. Und der „Serendipitor“ sucht für den Weg von A nach B nicht wie herkömmliche Routenfinder die kürzeste oder schnellste Strecke, sondern schlägt mit voller Absicht Umwege vor. Denn ab und zu tut es gut, auch mal was anderes zu sehen. Dann geht auch die „normale“ Arbeit mit den Suchmaschinen wieder leichter von der Hand.

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