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Vom Bundestrojaner zum Unternehmenstrojaner – oder: Wie man innerhalb von wenigen Tagen Vertrauen in eine Marke verspielt

Was ist Privatsphäre heute noch wert? Nicht viel, wie es scheint. Und zweifellos trägt das Internet zu dieser Entwicklung bei. Wir wollen nun nicht ins selbe Horn stoßen wie diverse Fortschrittsverächter, die in jeder Innovation gleich einen potenziellen Totengräber des Abendlands vermuten. Welche enormen Vorteile beispielsweise Social Media für Anwender und Unternehmen mit sich bringen können, haben wir an dieser Stelle ja schon des Öfteren thematisiert. Dennoch: Wer von uns stellt sich auf den größten Platz seiner Stadt, zieht sich vor allen Passanten nackt aus oder präsentiert auf einem Tischchen seine Einkommensteuererklärung für jeden Vorbeigehenden zur Einsichtnahme? Daneben liegt dann gleich eine Liste mit den schweren, ansteckenden Krankheiten der letzten Jahre und der Ausdruck mit den persönlichen Daten aller Menschen aus, mit denen man in den letzten sechs Monaten telefoniert hat. Als Dreingabe gibt’s schließlich noch das pikante Bewegungsprofil, aus dem sich mühelos entnehmen lässt, in welchen Läden, Restaurants und sozialen Schichten man so verkehrt …

„Ich habe nichts zu verbergen“, wenden immer noch viele ein und öffnen staatlichen Institutionen wie privaten Unternehmen bereitwillig Tür und Tor zum eigenen Daten-Pool, nicht ahnend, dass sie sich damit selber zum Spielball fremder Interessen machen. Und hier geht es längst nicht mehr nur um lästige Werbe-Postwurfsendungen, Call-Center-Drückerkolonnen oder Spam im heimischen Mail-Programm. Staatliche Organe bedienen sich mittlerweile in wesentlich größerem Umfang des sogenannten Bundestrojaners, als dies nach einschlägigen Urteilen des Bundesverfassungsgerichts erlaubt ist. Die sächsische Polizei späht nach dem Gießkannenprinzip einfach mal weit über 100.000 Mobilfunkverbindungen unbescholtener Bürger aus und so weiter …

Die wenigsten regen sich wirklich darüber auf. In der alltäglichen Nachrichtenflut geht sowas schnell wieder unter. Genauso wie die gespeicherten Bewegungsprofile auf Apples iPhone. Aktiv werden Bürger stattdessen dort, wo es eigentlich am wenigsten weh tut – wie etwa bei der Ablichtung ohnehin öffentlich einsehbarer Gebäude für Dienste wie Google Streetview. Insbesondere hier kam es zu geradezu grotesken Situationen, wenn sich beispielsweise Organisatoren von Anti-Streetview-Initiativen von den Medien ohne Bedenken vor ihren Wohnhäusern fotografieren ließen. So war es auch ohne Streetview mit wenigen Mausklicks möglich, Adressen samt Telefonnummern herauszufinden und einen ersten Einblick in das soziale Umfeld der betreffenden Personen zu bekommen.

Derzeit macht ein neuer Daten-Schnüffelskandal die Runde – mit ganz ähnlicher Ambivalenz. Computerspiele-Gigant Electronic Arts betreibt einen Online-Shop namens Origin, der Bestandteil der Software-Pakete des Unternehmens ist. Wer beispielsweise den neuen „Fussball Manager 12“ oder „Battlefield 3“ spielen will, kommt um Origin nicht herum. Anwender haben jedoch mittlerweile herausgefunden, dass Origin sehr neugierig ist: Es fragt unter anderem die Postleitzahl des Benutzers ab, durchwühlt Cache und Browserverlauf … und scannt sogar die Daten, die in der Einkommensteuer-Software hinterlegt sind. User reagieren empört – mittlerweile hat der neue Hype-Spieletitel aus dem Hause EA, „Battlefield 3“, auf Amazon weit über tausend Negativ-Bewertungen mit nur einem Stern. Trotzdem kaufen die Leute das Produkt – es hat bei Amazon in der Rubrik „Games“ derzeit Rang 2 erreicht.

EAs Ruf ist durch die Datensammelwut von Origin sicherlich nachhaltig angekratzt. Verstörend: Konsumenten kritisieren zwar die Vorgehensweise des Konzerns, kaufen aber trotzdem dessen Produkte – der Konsumwille siegt über ethische Gesichtspunkte beim Umgang mit persönlichen Daten. Fragt sich nur, wie lange noch – der Grundstein für mehr „Awareness“ in Sachen Datenschutz ist gelegt. Und das ist auch gut so. Langfristig wird EA sicher seine Origin-Strategie überdenken müssen, wenn der Konzern nicht massenweise potenzielle Käufer vergrätzen will …

Was soll das mit dem Plus?

„Hat jemand eine Einladung für mich?“ Das war vor ein paar Wochen sicher eine der häufigsten Fragen, die in Netzwerken wie Facebook oder Xing unter Computer-Nerds die Runde machte. Einladung wofür? Für das Privileg, zu den Ersten zu gehören, die den neuen, vermeintlichen „Facebook-Killer“ Google+ ausprobieren können. Und? Wie ist nun der erste Eindruck vom neuen sozialen Netzwerk? Nun, alles hübsch aufgeräumt. Der „Stream“ ist Facebooks „Pinnwand“ nicht unähnlich, lässt sich aber leichter und differenzierter filtern. Eine gute Idee, „Freunde“ in „Circles“ gruppieren zu können. Das schafft Ordnung und die Möglichkeit, Meldungen sehr komfortabel an ganz bestimmte Zielgruppen zu adressieren. Und überhaupt: Es ist schön, alles auf einer Oberfläche mit einem Mausklick erreichen zu können: Suchmaschine, E-Mail-Konto, Kalender, Textverarbeitung, Tabellenkalkulation, Fotosammlung …

Nach anfänglichen, leidenschaftlichen Diskussionen, ob Google+ auf längere Sicht Facebook gefährlich werden könnte, hat sich die erste Aufregung mittlerweile ziemlich gelegt. Allenfalls der Klarnamen-Zwang sorgt hie und da noch für Gesprächsstoff – ist ja auch eine lustige Geschichte, wenn Leute wie (der echte) William Shatner („Captain Kirk“) angeblich von Google wegen Fake-Namen-Verdachts zeitweilig gesperrt wurden. Und der wenig durchdachte Sommerloch-Beitrag von Innenminister Friedrich, User sollten in sozialen Netzwerken mit „offenem Visier, d. h. mit ihrem richtigen Namen, auftreten, hat sich schnell als das entpuppt, was es ist: heiße Luft aus einer Ecke, die das Internet immer noch nicht verstanden hat.

Bei Facebook läuft derzeit alles weiter wie gehabt – zumindest, soweit man das als „Normal-User“ beurteilen kann. Bei Google+ hingegen fließt der „Stream“ noch deutlich zäher – kein Wunder, tummeln sich hier doch im Wesentlichen dieselben Leute, die man auch schon in Facebook oder Xing auf seiner Kontakteliste stehen hat. Wer sich hier nicht explizit für Google+ entscheidet, wird aus purer Gewohnheit weiter in seinen „alten“ Netzwerken posten – zumal man dort gegenwärtig immer noch mehr Menschen erreicht.

Ist Google+ damit schon gescheitert? Nein, sicherlich nicht. Ob sich das Netzwerk behaupten  und das Gros der Internet-User für sich begeistern können wird, zeigt sich erst, wenn es für die breite Öffentlichkeit frei zugänglich ist. Auch Unternehmen, die bereits heute bei Marketing und PR massiv auf Social Media setzen, haben derzeit noch keine Möglichkeit, das neue Instrument richtig zu nutzen und zu erproben.  Doch gerade hier könnte eines der interessantesten Potenziale von Google+ liegen: Allein schon die Möglichkeit der effizienten, zielgruppengerechten Ansprache via „Circles“ und die direkte Verknüpfung mit der mächtigsten Suchmaschine dürften hier faszinierende Perspektiven eröffnen.

Sie möchten Google+ ausprobieren? Dann kommen Sie doch rüber! Schreiben Sie uns, wir haben noch ein paar Einladungen zu vergeben …

Nachhaltigkeit – mehr als ein Modewort

Geht es Ihnen auch so wie mir? Manchmal kann ich das Wort Nachhaltigkeit nicht mehr hören. Jede Firma, jede Agentur bekennt sich mittlerweile offen zu nachhaltigen Unternehmens- und Markenkonzepten. Doch was steckt wirklich dahinter? Wie ernst meinen es die Betreffenden? Kein Ort eignet sich hier besser für eine Bestandsaufnahme als eine Messe. Hier präsentieren sich Unternehmen so, wie sie denken, bei der Zielgruppe die maximale Wirkung zu erzielen – das entsprechende Budget natürlich vorausgesetzt. Auf Messen will man klotzen und nicht kleckern: Großzügige Standarchitektur, edle Materialien, aufwändige Licht- und Tontechnik, multimediale Reizüberflutung allerorten. Wer heute eine Messe besucht, wird feststellen: Der Gedanke der Nachhaltigkeit hat vielfach erst punktuell Fuß gefasst und beherrscht in den seltensten Fällen durchgängig den gesamten Markenauftritt.

Dabei wäre die Messe das ideale Forum, eine von Nachhaltigkeit geprägte Unternehmensphilosophie nach außen zu tragen. Und sie böte die Gelegenheit zu einem Auftritt, der sich deutlich vom Gros des Mitbewerbs abhebt. Der die Marke mit positiven Attributen wie Umweltbewusstsein, Wirtschaftlichkeit, soziale Verantwortung, Fortschrittlichkeit und auch Kreativität aufzuladen imstande ist. Alles was man dazu braucht: umweltverträgliche und/oder recyclingfähige Materialien und ein paar unkonventionelle, frische Ideen. Das Magazin PAGE hat dem Thema der nachhaltigen Standkonzepte kürzlich einen eigenen Artikel gewidmet und inspirierende Anregungen für Eventmanagement und Messebau geliefert: Pappkarton oder Pizzaschachteln eignen sich ebenso für ungewöhnliche Messebauten wie etwa Campbell Suppendosen, die ja seit Andy Warhol ohnehin Kultstatus genießen. Besonders findig war kürzlich Oikos, eine studentische Initiative für Sustainable Economics and Management, die auf der goodgoods in Hamburg einen Messestand kurzerhand aus dem Verpackungsmüll der anderen Aussteller errichtete. Ob ausrangierte Stadionsitze, gebrauchte Holzpaletten, strapazierfähige Pressspanplatten aus recyceltem Papier oder schadstoffarmen Naturfaser-Verbundstoffen – die Möglichkeiten, mit ausrangierten oder besonders umweltverträglichen Komponenten außergewöhnliche Effekte zu erzielen, sind fast unbegrenzt. Weitere Vorteile, die mit nachhaltigen Messebauten fast automatisch einhergehen: die Wiederverwertbarkeit der meisten Komponenten, ihre transportfreundliche Leichtigkeit und die vergleichsweise geringen Anschaffungskosten – somit gesellt sich zur Nachhaltigkeit auch noch der Aspekt der Wirtschaftlichkeit.

Zugegeben: Es verlangt Mut und viel Fantasie, den protzigen Materialschlachten herkömmlicher Messestände etwas Neues, Unkonventionelles entgegenzusetzen. Aber der positive Effekt dürfte nicht lange auf sich warten lassen. Der zahlt sich dann buchstäblich aus – und zwar nachhaltig.

Die Alten kommen

Jugendkult? Das war einmal. Wer heute das TV-Gerät einschaltet, sieht in den Werbepausen statt hibbeliger 20-Jähriger immer öfter Graumelierte „in den besten Jahren“. Kein Wunder, schließlich steigt das Durchschnittsalter in unserer Gesellschaft immer weiter an, und es gilt jetzt, eine Zielgruppe zu bedienen, die lange Zeit von der Werbung vernachlässigt worden ist. Die „Best Agers“, die „Silver Generation“, wie man die Älteren in Marketingkreisen gerne nennt, sind die Generation der Zukunft: mit viel Kaufkraft und viel Freizeit für viel Konsum.

Enexy, ein Süßigkeitenhersteller aus Schwäbisch Gmünd, treibt den neuen Trend nun auf die Spitze. Er lässt den 107 Jahre alten Johannes Heesters gemeinsam mit Rapper Oliver Harris in einem Werbespot für einen neuen Energy-Riegel antreten. Mit diesem Kniff der Berliner Agentur Alpha Pool gelingt der Brückenschlag zwischen Jung und Alt perfekt: Heesters zeigt dem Jungspunt Harris so richtig, wo der Hammer hängt („Du bist einfach nicht tight, Alter!“), während sich Harris cool in Selbstironie übt.

Der Enexy-Riegel soll laut Hersteller „neue Akzente im Süßwarenmarkt“ setzen und verbindet die aufputschende Wirkung von Koffein mit der von Guarana. Weiße Schokolade umhüllt eine Füllung aus neongrünem Gel. Horizont.net berichtet, dass der generationsübergreifende Power-Snack in Kürze im Handel landen soll. Wir wären sehr überrascht, wenn der humorige Spot und das Produkt selbst nicht einschlagen würden wie eine Bombe …

Marken-Hackfleisch

Noch vor wenigen Wochen stand sie groß da und wirkte beinahe unangreifbar: Die Marke Sony war seit Jahrzehnten in aller Welt etabliert und so etwas wie ein Selbstläufer geworden: Immer wieder wurden Klagen von Kunden über schlechten Service laut, doch Sony blieb dennoch stets dick im Geschäft. Bis ihr jetzt ein paar Hacker zeigten, dass man auch der größten Marke mit einem gezielten Stich in die Achillesferse zeigen kann, dass sie nicht allmächtig ist.

Ausgerechnet ein Hightech-Konzern wie Sony, der einen nicht unbedeutenden Teil seines Umsatzes im Web mit Online-Games und dem Playstation Network generiert, stolpert nun über einen Skandal, der offenbart, wie nachlässig Sony nicht nur mit den Anliegen seiner Kunden, sondern auch mit deren Daten umgegangen ist.

Ganz unabhängig davon, welche Motivation die Hacker dazu getrieben hat, persönliche Daten und Passwörter von mehr als 70 Millionen PSN-Usern abzuschöpfen: Für Sony rächt es sich jetzt, dass der Kunde im Markenbild offenbar über lange Jahre hinweg kaum mehr eine Rolle gespielt hatte. Sonys mangelhafte Informationspolitik, Betroffene erst eine Woche nach dem Hackerangriff über den entstandenen Schaden in Kenntnis zu setzen, ist hier das Tüpfelchen auf dem i und nur ein weiteres Beispiel für die schlechte Kundenkommunikation des Konzerns.

Es ist noch nicht im Einzelnen abzusehen, welchen immensen materiellen Schaden der Hackerangriff auf das Playstation Network für Sony über den gegenwärtigen Wertverlust der Aktie hinaus haben wird. Es droht eine Flut von Klagen und Gerichtsverfahren und weltweit ist eine neue Diskussion über den (Verbraucher-)Datenschutz entbrannt. Allein der Image-Verlust für Sony dürfte über viele Jahre hinweg nachwirken. Hier geht es nicht „nur“ um die 70 Millionen User des Playstation Network, die jetzt sicher teilweise ihre Accounts kündigen werden. Nein, es bleibt ein allgemeines Misstrauen, das auch andere Unternehmen und Privatleute davon abhalten wird, mit dem japanischen Konzern Geschäfte zu machen. Es droht eine Kettenreaktion, die das Sony-Imperium langfristig ordentlich ins Trudeln bringen könnte.

Das Beispiel zeigt: Das Web ist zum mächtigen Instrument geworden, das nicht nur zum Sturz von Diktaturen beitragen, sondern auch Marken entmachten kann. Und Sony wird sicher nicht der letzte Konzern bleiben, der auf diese oder ähnliche Weise irgendwann zum Opfer der eigenen mangelhaften Markenkommunikation wird.

Das Logo im Fadenkreuz

Seit Fukushima wird in der Energiedebatte mit härteren Bandagen gekämpft – auch in der Werbung. Und so nimmt sich der Solarstrom-Anbieter SolarWorld in seiner jüngsten Kampagne den Energiekonzern RWE zur Brust und zielt genau dorthin, wo es der Marke am meisten weh tut: aufs Logo. Wie bei horizont.net zu lesen, verfremdete die Bonner Agentur Kreativ Konzept nicht nur das RWE-Logo, sondern auch den Slogan des Konzerns, um bei den Endverbrauchern für den Umstieg zu Erneuerbaren Energien zu werben. Aus „VoRWEg gehen“ (RWE) wird „Weg gehen“, wobei das „R“ hier vor dem „WE“ nach links zur Seite wegkippt.

Eine recht provokante Art der vergleichenden Werbung, bei der man gespannt sein darf, ob dem Ganzen eine juristische Auseinandersetzung folgen wird. Für RWE in jedem Fall eine Gratwanderung. Auf der einen Seite ist das „beschädigte“ Logo ein sehr wirkungsvoller Angriff auf das Image des Energieriesen. Andererseits würde ein vom Zaun gebrochener Rechtsstreit sicherlich das Ansehen von RWE in der Öffentlichkeit weiter schmälern. Es bleibt abzuwarten, ob und wie die beiden Stromanbieter ihren Kampf um die Gunst der Verbraucher weiter zuspitzen werden. Dabei werden aber auch die gegenwärtigen hiesigen Regelungen in Bezug auf vergleichende Werbung auf eine harte Probe gestellt. Sollte das Beispiel SolarWorld Schule machen, dürften Kampagnen mit Seitenhieben auf die Mitbewerber künftig offensiver ausfallen … und der Verbraucher könnte womöglich sogar davon profitieren, wenn Anbieter nicht mehr mit Samt-, sondern mit Boxhandschuhen in den Werbering steigen würden …

Aprilscherz zum Markenkult

Der Online-Shop ThinkGeek verkauft alles, was das Techie-Herz begehrt: vom Star-Trek-Pizzaschneider über essbare iPhone-Hüllen bis hin zum Fußabstreifer mit der IP-Adresse des eigenen WLAN-Routers reicht das Sortiment. Doch pünktlich zum 1. April hatte der nerdige Laden ein neues spektakuläres Produkt im Angebot: Zu Preisen zwischen knapp 50 und 180 US-Dollar war der Playmobil Apple-Store verfügbar – das perfekte Ostergeschenk für den Nachwuchs von Steve-Jobs-Jüngern in aller Welt. Schon die Kleinsten muss man schließlich frühzeitig auf die tolle Konsumerfahrung in einem jener stylischen Apple-Paläste vorbereiten, vor denen sie selbst in etwa 20 Jahren fiebernd Schlange stehen werden, um zu den Ersten zu gehören, die das neue iGadget in Händen halten dürfen.

Der Playmobil Apple-Store wurde bildschirmfüllend und höchst professionell auf dem ThinkGeek-Portal beworben – komplett mit Videopräsentation, die die Vorzüge des Spielzeugs in typisch hochtrabender Apple-Manier („so intuitive!“) von smarten, fröhlich gekleideten, politisch korrekten Menschen ins rechte Licht rücken lässt. Das Set enthält sogar eine Steve-Jobs-Figur und auf der Playmobil-Seite liegt angeblich ein Audio-File mit einer Keynote Speech zum Download bereit. Als Zusatzpack ist eine Menschenschlange erhältlich, die geduldig vor dem Laden wartet, bis sich die Tür in die glitzernde Apple-Welt öffnet … und wer jetzt Blut geleckt hat und auf den „Kaufen“-Button klickt, erfährt die brutale Wahrheit: Die Kooperation der Kultmarken Apple und Playmobil gibt es (bislang) noch nicht – der Playmobil Apple-Store ist nichts weiter als ein hervorragend gemachter Aprilscherz.

Angesichts der Geschwindigkeit, mit der sich der ThinkGeek-Link zum Spielzeug-Apple-Store über Facebook und Blogs verbreitete, dürften jedoch sowohl Playmobil als auch Apple von dieser netten Konsum-Satire profitieren. Und ThinkGeek hat mittlerweile mehr als 43.000 „Gefällt“-Klicks von Facebook-Nutzern eingeheimst. Drei auf einen Streich: Selten war virale Markenwerbung effizienter und witziger – und ein kleiner Schuss Selbstironie setzt sich im Langzeitgedächtnis des potenziellen Kunden zweifellos als positives Signal fest. Eine sehr gelungene Aktion, vor der man nur den Hut ziehen kann.

Schnappschüsse für die Marke

„Wow, sieht das toll aus. Wusste gar nicht, dass der mit einer Kamera umgehen kann!“ Pustekuchen. Facebook scheint gegenwärtig die Community der kreativen Fotokünstler zu werden – doch schon bald kommt man dahinter, dass hinter dem ganzen Bilderzauber lediglich eine iPhone-App steckt. Instagram heißt das Progrämmchen, das mit diversen Filtern noch aus dem misslungensten Handykamera-Shot ein kleines Meisterwerk werden lässt. Die App erfreut sich größter Beliebtheit und längst tauschen die User begeistert ihre besten Aufnahmen untereinander aus. Ein Trend, der auch Potenzial für die Markenwerbung in Social Media hat, glauben Unternehmen wie Starbucks mittlerweile.

Mashable berichtet, dass Starbucks in der Markenkommunikation bereits seit mehreren Monaten Instagram einsetzt und so beispielsweise den Usern den unterhaltsamen Blick hinter die Kulissen der Lifestyle-Kaffeekette bietet. Laut Produktmanager Brad Nelson begannen die Leute zunächst von sich aus, Starbucks-Fotos zu tauschen, und mittlerweile hat das Unternehmen über Instagram-Aktionen wohl an die 5.000 Followers gewonnen.

Instagram und ähnliche Dienste sind noch sehr jung. Ihre Möglichkeiten sind bei Weitem noch nicht erforscht und ausgeschöpft. Der positive Effekt fürs Unternehmen: Via Instagram ist es einfach, einen direkten Draht zur Community zu finden. Und ein bisschen was von dem Witz und der Kreativität, die sich in den Instagram-Fotos widerspiegeln, geht bei solchen Aktionen auch zwangsläufig auf das Markenbild über. Wer seine Marke also als frech, fortschrittlich, kreativ und am Puls der Zeit positionieren will, sollte möglichst schnell individuelle Wege finden, Instagram & Co. in seine Kommunikation einzubinden ­ bevor es alle tun und das Instrument seine Frische verliert … Die Gefahr besteht nämlich  durchaus, dass sich die Sache mit den hippen Fotos relativ rasch totläuft. Dann würde sich die Wirkung auf die Marke ins Gegenteil verkehren. Und wer will schon als „Late Adopter“ rüberkommen, der lediglich einem längst abgehakten Trend hinterherhechelt?

Wenn Helden hacken

Es war einmal eine bekannte deutsche Werbeagentur namens Jung von Matt und eine beliebte deutsche Popgruppe, die sich „Wir sind Helden“ nannte.  Deren Sängerin wiederum nennt sich Judith Holofernes – eine Anspielung auf einen babylonischen General, dem der alttestamentarischen Legende zufolge das Haupt abgehackt wurde.

„Ich glaub, es hackt!“, schrieb Frau Holofernes erbost an die Agentur Jung von Matt, als diese anfragte, ob Wir sind Helden sich als Promi-Werbe-Testimonial für die bekannte Zeitung mit vier Buchstaben aus dem Springer-Verlag zur Verfügung stellen würden.

„Ich glaub, es hackt!“ könnte sich jetzt zum geflügelten Wort entwickeln, denn die Anfrage von Jung von Matt und Holofernes’ Antwort haben sich in den sozialen Netzen des Internet innerhalb von Stunden zu einem unkontrollierbaren Selbstläufer entwickelt. Irgendwann war dann sogar unklar, ob der Mailwechsel JvM/Holofernes nicht selbst beabsichtigter Bestandteil der BILD-Kampagne sein könnte, ob es sich hier nicht letztendlich komplett um einen genialen Coup der Jung-von-Matt-Guerilla-Truppe handeln würde. Letztendlich waren sie nach kürzester Zeit alle wieder im Gespräch: Jung von Matt, Wir sind Helden und nicht zuletzt die BILD Zeitung.

Aber die Sache wird noch komplizierter. Kaum war die Hacktion ins Rollen gekommen, schaltete sich ein User der SZ-Community jetzt.de in das Geschehen ein und schrieb eine fiktive, provozierende Jung-von-Matt-Replik auf Holofernes’ wütende Absage – mit dem Effekt, dass nicht nur viele Leser der Community, sondern auch Nachrichtenportale wie kress.de darauf aufmerksam wurden. Viele merkten nicht, dass es sich um Satire handelte und glaubten tatsächlich, dass der Text von Jung von Matt stammen würde. War der Autor womöglich Jung-von-Matt-Mitarbeiter, der nun die Community von innen aufrollte? Am Ende wusste keiner mehr, wer nun eigentlich für was verantwortlich war. Guerilla-Marketing at its best – aus sich selbst heraus entstanden und mit einer ungeheuren Eigendynamik. Nun, in der Hitze des Gefechts klärte besagter jetzt.de-User die Sache auf und erläuterte die Hintergründe seiner Aktion. Der Autor gab sich in diesem Zusammenhang sogar mit seiner wahren Identität zu erkennen und outete sich als Teilhaber einer Berliner Fotografenrepräsentanz. Wahrscheinlich hat sich deren Homepage noch nie derart hoher Klickraten erfreut wie in den letzten Tagen.

Und so fügt sich alles zusammen: ein paar Blogs, Facebook, Twitter, jetzt.de und diverse Nachrichtenportale. Und alle profitierten davon: Jung von Matt, Wir sind Helden, jetzt.de, BILD … und eine kleine, feine Fotografen-Agentur in Berlin … ein Lehrstück über die manchmal recht unberechenbare Werbewirkung von sozialen Netzwerken.

Das zerbeulte Marken-Fahrrad.

Der gegelte Axolotl

Wer sich mit seiner Persönlichkeit als Marke positionieren will, um sein Profil zu schärfen und seinem gesellschaftlichen oder monetären Erfolg damit einen ordentlichen Schub verleihen möchte, sollte sich an ein altes Sprichwort halten: „Ehrlich währt am längsten“. Das mag altbacken klingen, aber gerade in den letzten Tagen hat es sich gezeigt, dass doch sehr viel Wahres in diesen vier Wörtchen steckt.

Blicken wir ein Jahr zurück: Da brachte die damals gerade 17-jährige Jungautorin und Dramaturgen-Tochter Helene Hegemann das zunächst als Sensation gefeierte Machwerk „Axolotl Roadkill“ auf den Markt. Die Feuilletons überschlugen sich mit begeisterten Lobeshymnen – bis ein Blogger Hegemann nachwies, dass große Teile ihres Buches schlicht und einfach abgekupfert waren. Der Skandal schlug hohe Wellen und dürfte die Verkaufszahlen noch einmal  kräftig nach oben getrieben haben. Schließlich wollte ja jeder mitreden, ob es sich im Fall von „Axolotl Roadkill“ nun um banales Abschreiben oder um ein Paradebeispiel für poststrukturalistische „Intertextualität“ handeln würde. Gut, das Buch verkaufte sich, heute ist es schon fast dem Vergessen anheimgefallen. Und Helene Hegemann, einst als hyperbegabte, authentische Nachwuchsschriftstellerin gehandelt, kann jetzt die Reste ihres guten Rufs zusammenkratzen.

Auch wenn Sinn und Zweck des Urheberrechts heute immer wieder in Frage gestellt werden und Hegemanns Buch von manchen Apologeten zum Exempel für eine Kulturtechnik der Zukunft hochstilisiert wurde, es bleibt der Makel des Abschreibens. Hegemann hat damit die Aura der genialen, kaum dem Kindesalter entwachsenen Kreativen verspielt – sozusagen das Kennzeichen und Alleinstellungsmerkmal der Marke „Helene Hegemann“. Durch das exzessive Plagiieren von Texten des Berliner Bloggers Airen und etwa der britischen Band Archive hat Hegemann ihre oft beschworene Authentizität verloren: ihr Werk ist nicht ihres, ihre Marke basierte nicht auf den eigenen Leistungen. Es dürfte schwer sein, diese Scharte wieder auszuwetzen.

Ganz ähnlich ergeht es derzeit Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg, der sich in der Bevölkerung lange Zeit durch Schneid, klare Worte und ein bisschen Adelsglanz besondere Sympathien erwerben konnte. Bislang hat es Guttenberg verstanden, Kritik an seiner Arbeit an sich abperlen zu lassen. Schnelle Entlassungen von vermeintlich Verantwortlichen ließen sich gut als Zeichen von Entschlossenheit verkaufen. So weit, so gut die Marke Guttenberg.

Mehr noch als durch geöffnete Post von Afghanistan-Soldaten und die Vorgänge auf der Gorch Fock könnte Guttenberg jetzt durch eigenes Handeln ins Schlingern geraten – mit seiner Dissertation, in der sich – wie erst jetzt bekannt wurde – wie in Hegemanns „Axolotl Roadkill“ eine ganze Reihe abgeschriebener Passagen finden. Ob Guttenberg seinen Doktor-Titel nun behalten darf oder nicht, ist eigentlich egal – seine „Marke“ hat bereits mit der Veröffentlichung der abgekupferten Stellen bei Spiegel, Süddeutsche & Co. schmerzhaften Schaden genommen. Guttenberg hat etwas von seinem Image des zupackenden „Machers“ eingebüßt – indem er sich zweifelhafterweise an dem bedient hat, was andere vor ihm „gemacht“ haben. Ein paar Anführungszeichen mehr zur Kennzeichnung von Zitaten – Ehrlichkeit im Umgang mit seinen Quellen eben – hätten ihm und seiner Marke dieses Schlamassel ganz einfach ersparen können.

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