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Vom Bundestrojaner zum Unternehmenstrojaner – oder: Wie man innerhalb von wenigen Tagen Vertrauen in eine Marke verspielt

Was ist Privatsphäre heute noch wert? Nicht viel, wie es scheint. Und zweifellos trägt das Internet zu dieser Entwicklung bei. Wir wollen nun nicht ins selbe Horn stoßen wie diverse Fortschrittsverächter, die in jeder Innovation gleich einen potenziellen Totengräber des Abendlands vermuten. Welche enormen Vorteile beispielsweise Social Media für Anwender und Unternehmen mit sich bringen können, haben wir an dieser Stelle ja schon des Öfteren thematisiert. Dennoch: Wer von uns stellt sich auf den größten Platz seiner Stadt, zieht sich vor allen Passanten nackt aus oder präsentiert auf einem Tischchen seine Einkommensteuererklärung für jeden Vorbeigehenden zur Einsichtnahme? Daneben liegt dann gleich eine Liste mit den schweren, ansteckenden Krankheiten der letzten Jahre und der Ausdruck mit den persönlichen Daten aller Menschen aus, mit denen man in den letzten sechs Monaten telefoniert hat. Als Dreingabe gibt’s schließlich noch das pikante Bewegungsprofil, aus dem sich mühelos entnehmen lässt, in welchen Läden, Restaurants und sozialen Schichten man so verkehrt …

„Ich habe nichts zu verbergen“, wenden immer noch viele ein und öffnen staatlichen Institutionen wie privaten Unternehmen bereitwillig Tür und Tor zum eigenen Daten-Pool, nicht ahnend, dass sie sich damit selber zum Spielball fremder Interessen machen. Und hier geht es längst nicht mehr nur um lästige Werbe-Postwurfsendungen, Call-Center-Drückerkolonnen oder Spam im heimischen Mail-Programm. Staatliche Organe bedienen sich mittlerweile in wesentlich größerem Umfang des sogenannten Bundestrojaners, als dies nach einschlägigen Urteilen des Bundesverfassungsgerichts erlaubt ist. Die sächsische Polizei späht nach dem Gießkannenprinzip einfach mal weit über 100.000 Mobilfunkverbindungen unbescholtener Bürger aus und so weiter …

Die wenigsten regen sich wirklich darüber auf. In der alltäglichen Nachrichtenflut geht sowas schnell wieder unter. Genauso wie die gespeicherten Bewegungsprofile auf Apples iPhone. Aktiv werden Bürger stattdessen dort, wo es eigentlich am wenigsten weh tut – wie etwa bei der Ablichtung ohnehin öffentlich einsehbarer Gebäude für Dienste wie Google Streetview. Insbesondere hier kam es zu geradezu grotesken Situationen, wenn sich beispielsweise Organisatoren von Anti-Streetview-Initiativen von den Medien ohne Bedenken vor ihren Wohnhäusern fotografieren ließen. So war es auch ohne Streetview mit wenigen Mausklicks möglich, Adressen samt Telefonnummern herauszufinden und einen ersten Einblick in das soziale Umfeld der betreffenden Personen zu bekommen.

Derzeit macht ein neuer Daten-Schnüffelskandal die Runde – mit ganz ähnlicher Ambivalenz. Computerspiele-Gigant Electronic Arts betreibt einen Online-Shop namens Origin, der Bestandteil der Software-Pakete des Unternehmens ist. Wer beispielsweise den neuen „Fussball Manager 12“ oder „Battlefield 3“ spielen will, kommt um Origin nicht herum. Anwender haben jedoch mittlerweile herausgefunden, dass Origin sehr neugierig ist: Es fragt unter anderem die Postleitzahl des Benutzers ab, durchwühlt Cache und Browserverlauf … und scannt sogar die Daten, die in der Einkommensteuer-Software hinterlegt sind. User reagieren empört – mittlerweile hat der neue Hype-Spieletitel aus dem Hause EA, „Battlefield 3“, auf Amazon weit über tausend Negativ-Bewertungen mit nur einem Stern. Trotzdem kaufen die Leute das Produkt – es hat bei Amazon in der Rubrik „Games“ derzeit Rang 2 erreicht.

EAs Ruf ist durch die Datensammelwut von Origin sicherlich nachhaltig angekratzt. Verstörend: Konsumenten kritisieren zwar die Vorgehensweise des Konzerns, kaufen aber trotzdem dessen Produkte – der Konsumwille siegt über ethische Gesichtspunkte beim Umgang mit persönlichen Daten. Fragt sich nur, wie lange noch – der Grundstein für mehr „Awareness“ in Sachen Datenschutz ist gelegt. Und das ist auch gut so. Langfristig wird EA sicher seine Origin-Strategie überdenken müssen, wenn der Konzern nicht massenweise potenzielle Käufer vergrätzen will …

Was ich nicht kenne … wird verboten!

Das Internet – unendliche Weiten. Und unendliche Möglichkeiten. Keine Frage, wer damit vernünftig umgehen oder sogar daraus Kapital schlagen will, braucht ein gehöriges Maß an Medienkompetenz. Doch gerade vielen Entscheidern in unserer Gesellschaft, Politikern wie Unternehmern, fällt es anscheinend derzeit noch schwer, die Dynamik des Internet richtig einzuschätzen. Und was man nicht richtig kennt, von dem geht in der eigenen Wahrnehmung zunächst einmal eine Gefahr aus. Mit dem Ruf nach Verboten ist man dabei stets schnell zur Hand – bei sogenannten „Killerspielen“ ebenso wie beim Surfen am Arbeitsplatz. Schwarzweißmalerei allerorten. Noch.

Denn allmählich setzt sich die Erkenntnis durch, dass Internet-Angebote wie Social-Media-Plattformen, die bislang vornehmlich dem privaten Bereich zugeordnet wurden, auch für Unternehmen ein ungeheures Potenzial bieten. Nirgends lässt sich der kontinuierliche Kundenkontakt und Support so unkompliziert, schnell und wirtschaftlich realisieren wie über das Internet. Und so beginnen nach und nach immer mehr Firmen, Facebook & Co. für sich zu entdecken oder betreiben systematische Community-Arbeit. Für die beteiligten Mitarbeiter beginnt damit eine unsichere Gratwanderung, denn die Übergänge von „Beruflich“ zu „Privat“ sind auf Web-2.0-Portalen und Foren nicht selten fließend. Und spätestens hier kommt man mit dem Schwarzweißdenken früherer Internet-Tage nicht mehr weiter. Der effiziente Umgang mit Social Media im betrieblichen Umfeld lässt sich weder mit strikten Verboten noch mit allgemeingültigen gesetzlichen Vorgaben regeln. Jedes Unternehmen tickt anders und braucht einen individuellen Kanon an eindeutigen Richtlinien, die sowohl der Geschäftsleitung als auch dem Mitarbeiter Sicherheit geben. Bei einer Bank oder öffentlichen Einrichtungen müssen solche Regelungen selbstverständlich völlig anders aussehen als etwa in einer Werbeagentur oder einem Handwerksbetrieb.

Wie aber sollen Führungskräfte in Unternehmen klare Regeln für den Umgang mit Internet und Social Media ausarbeiten, wenn sie selbst mit den Chancen und Gefahren des neuen Mediums nur unzureichend vertraut sind? Wertvolle erste Hinweise liefern beispielsweise die aktuellen Handreichungen des Bundesverbands Digitale Wirtschaft BVDW oder die Tipps einschlägig spezialisierter Anwaltskanzleien. Immerhin: Das Bewusstsein wächst, dass Handlungs- und Klärungsbedarf besteht. Denn welches Unternehmen möchte sich schon auf Dauer die vielfältigen gewinnbringenden Möglichkeiten des neuen Kommunikationskanals Internet durch die Lappen gehen lassen? Leisten kann sich das heute ohnehin kaum jemand mehr, der geschäftliche Erfolge verbuchen will.

Shoppen, wo sich was bewegt

Einkaufen im Internet? Es gibt immer noch Leute, die wollen partout nichts davon wissen. Ihnen fehlt es oft einfach an der haptischen Erfahrung, sie wollen die Dinge erst mal in den Händen gehabt haben, für die sie später ihr Geld hinblättern. Durchaus verständlich, wenn man sich das Gros der Online-Shops so ansieht: In vielen Fällen wird man mit briefmarkengroßen Produktabbildungen abgespeist, auf denen nicht einmal alle Details klar auszumachen sind.

Doch manche Anbieter haben bereits erkannt, dass es spannendere Wege der Produktpräsentation gibt. Schon ein gut gemachtes Video kann potenzielle Kunden mehr in seinen Bann ziehen als jede starre Illustration – das Produkt optimal inszenieren, von seiner besten Seite und in voller Aktion zeigen. Doch das Produktvideo hat weit mehr als nur Unterhaltungswert – auch der Shop-Betreiber selbst profitiert davon. Denn über Einbettungsfunktionen und Möglichkeiten zur Weiterleitung an Facebook, Twitter & Co. entwickelt ein ansprechendes Filmchen unter Umständen eine ungeahnte virale Dynamik, die das Angebot weit über das Shop-Portal hinaus bekannt macht. Auf diese Weise schafft es ein Video, auch Zielgruppen aufmerksam werden zu lassen, die man auf konventionelle Weise vielleicht nie in den Online-Shop hätte locken können. Und der Erfolg ist tatsächlich messbar – unter anderem anhand von Statistiken über Abrufe, Einbettungen und Weiterleitungen.

Doch damit sind die Optionen noch lange nicht erschöpft. In-Video-Shopping beispielsweise erlaubt es dem Betrachter, mitten in einem Clip sofort seinem Kaufimpuls zu folgen, mit der Maus ein Produkt anzuklicken und es seinem Warenkorb zuzufügen – ein ideales Instrument, um etwa über Musikvideos Spontankäufe von CDs und mp3s zu generieren. Unternehmen wie CAVI International oder motionet treiben solche Entwicklungen heute mit Nachdruck voran. Doch der große Durchbruch steht noch aus.

Denn wer per Video Kunden gewinnen möchte, darf Letzteren nicht damit nerven. Immer noch herrscht schließlich die Unsitte vor, vom User gewünschte Inhalte erst einmal mit (im wahrsten Sinn des Wortes) schreiendem Werbe-Content zu überdecken – ob es sich dabei jetzt um eine statische Anzeige oder einen Film handelt, dürfte den meisten Betrachtern erst einmal egal sein. Ich persönlich klicke derartige Aufdringlichkeiten in der Regel weg, ohne auch nur einen Blick auf das vorgestellte Produkt oder die Dienstleistung zu werfen. Es kommt also nicht nur auf die Qualität des Videos an, sondern auch auf das optimale Umfeld für die Präsentation. Denn wer lässt sich schon gerne von Störenfrieden was verkaufen. Der Kunde möchte letztendlich doch zumindest das Gefühl haben, seine Kaufentscheidungen in Ruhe und ohne Druck selbst zu fällen …

1984 / 2014

Die Zukunft holt uns immer wieder ein. Zum ersten Mal spürte ich das 1984, in dem Jahr, in dem jeder eifrig darüber nachdachte, welche von George Orwells Visionen schon Realität geworden waren. Nun ja, es waren damals schon einige. Und die Welt kam einem unheimlich modern vor, das Leben war von gefühlter Hektik geprägt – und doch war es für heutige Verhältnisse unglaublich langsam. Und hier beginnt meine eigentliche Geschichte …

1984 pendelte ich oft zwischen Nürnberg und London – per Zug und Schiff. Sehr gemächlich, eine Tagesreise. Auf der Fähre von Ostende nach Dover hatte ich genügend Zeit, mir aktuelle Kinofilme anzuschauen – zum Jahreswechsel war das „James Bond: Never Say Never Again“. Eine Szene beeindruckte mich damals so sehr, dass sie mir auch heute noch immer wieder in den Sinn kommt: Sean Connery und sein Widersacher Klaus Maria Brandauer sitzen sich an einem Tisch gegenüber und treten in einer Art Computer-Spiel gegeneinander an. In der Mitte ein transparenter Screen mit einer dreidimensionalen Weltkugel. Damals für mich in der Realität unvorstellbar. Mittlerweile würde das niemand mehr für besonders futuristisch halten. Im Gegenteil: Heute fordert die Szene fast genauso zu einem amüsierten Lächeln heraus wie die Pappmaché-Kulissen aus der ersten „Star Trek“-Staffel. Wer heute Serien wie „CSI“ oder „Navy CIS“ konsumiert, dem fliegen die transparenten Computerscreens nur so um die Ohren. Da werden Bilder mit einer lässigen Handbewegung auf das Display gezaubert und dann mit den Fingern zurechtgezogen wie auf dem iPhone.

Überhaupt, das iPhone: Seine Touchscreen-Technologie scheint tatsächlich ein neues Bewusstsein für die Wichtigkeit benutzerfreundlicher Interfaces geweckt zu haben. Während man sich früher per „dir“ und „cd“ ohne zu murren durch wirre Verzeichnisstrukturen auf der Festplatte gehangelt hat und sich dabei mit seinem Computer-Geheimwissen ganz toll vorkam, will man es heute ganz einfach haben. Das nahmen die schwedischen Interface-Spezialisten von The Astonishing Tribe zum Anlass, eine Vision zu entwickeln, wie die Benutzer-Interfaces der nahen Zukunft aussehen könnten.

In dem kleinen Film „The Future of Screen Technology“ demonstrieren die Schweden den Tagesablauf des technisierten Menschen um 2014: mit Displays, die sich nach Belieben auseinanderziehen lassen, transparenten Touchscreen-Bildschirmen, Nachrichten-Ticker, die sich am Badspiegel beim Zähneputzen abrufen lassen und Smartphones, zwischen denen man Daten per Fingerbewegung austauschen kann.

Vieles davon erscheint uns heute absurd – wie mir Bonds Spieltisch anno 1984 auch völlig abwegig vorgekommen ist. Trotzdem deutet der Film von The Astonishing Tribe eine Entwicklung an, die so ganz ähnlich stattfinden könnte. Und vielleicht erleben wir ja in den kommenden vier Jahren noch so manches Screendesign, das sogar diese Visionen in den Schatten stellt? Durchaus im Bereich des Möglichen – erst recht wenn man sich vergegenwärtigt, wie rasant die Entwicklung der digitalen Medien in den 26 Jahren seit 1984 vonstatten gegangen ist.

Vielleicht denken wir in einigen Jahren: Die Welt kam einem 2010 unheimlich modern vor, das Leben war von gefühlter Hektik geprägt – und doch war es für heutige Verhältnisse unglaublich langsam …

Der Bär im Büro

Büromaterial – auf den ersten Blick ein wenig aufregendes Thema. Das Beste dran ist, dass man es von der Steuer absetzen kann. So hab ich zumindest bis gestern gedacht. Doch YouTube hat mich eines Besseren belehrt und mir was zum Nachdenken gegeben: Haben Sie sich nicht auch schon immer wieder mal gefragt, was ein Bär mit Tippfehlern zu tun hat? Nein? Dann sollten Sie sich dringend mal mit dieser Problematik auseinandersetzen – schon weil es Spaß macht, aber auch weil es inspiriert und wieder einen erfrischend neuen Weg aufzeigt, was mit viralem Marketing alles möglich ist. 

Wer will auf YouTube schon ein interaktives Video sehen, auf dem ein Jäger einen Bären erschießt? Auch Sie haben daran sicher kein Interesse. Dann schreiben Sie die Geschichte des Filmchens „A Hunter Shoots a Bear!“ doch einfach um. Der Jäger hilft Ihnen sogar dabei, indem er mit dem Arm aus dem Video heraus nach Tipp-Ex greift und im Film-Titel das Wort „Shoots“ herauslöscht. Letzteres können Sie nun durch ein Wort Ihrer Wahl ersetzen und zuschauen, was Jäger und Bär auf Ihre Anweisungen hin machen. Die Ergebnisse sind oft unerwartet und immer für ein Schmunzeln gut. Selbst für den Fall, dass Sie ein unbekanntes Wort eingeben, haben sich die französische Agentur Buzzman und das Interactive Studio Grouek, die für das Video verantwortlich zeichnen, einen kleinen Gag ausgedacht. Mit Erfolg: Innerhalb kürzester Zeit ist der Bären-Spaß mehr als 2.700.000 Mal angeklickt worden.

So, und jetzt nachdem Sie sich das Video angesehen haben, versuchen Sie bitte, nicht an einen Bären zu denken. Sicher gelingt Ihnen das nicht. Aber für eine Weile wird Ihnen dabei auch Tipp-Ex nicht mehr aus dem Kopf gehen – und Ihnen künftig immer als Urheber dieser sympathischen, augenzwinkernden viralen Aktion im Gedächtnis bleiben.

Mein Kumpel Calibri

Den ganzen lieben langen Tag sitze ich vor dem Computer und tippe Texte – manchmal ein ziemlich einsames Geschäft. Und eines, bei dem man wählerisch wird. Da sucht man es sich schon ganz gezielt aus, wem man sein Vertrauen schenkt und wen man am liebsten die ganze Zeit um sich haben will. Nach vielen kurzen und weniger glücklichen Affären hab ich mich nun für Calibri entschieden. Calibri ist immer freundlich zu mir und ich fühle mich wohl in seiner Nähe. Danke, Lucas de Groot, dass du uns miteinander bekannt gemacht hast. Ein weniger harmonisches Verhältnis pflege ich mit Times New Roman, bei dem ich immer sofort an unangenehme Briefe vom Amt oder an dozierende Altphilologen denken muss. Times, den alten Römer, dulde ich nicht in meiner Nähe. Alles markieren, umformatieren, dann endlich wieder entspannen! Erst dann kann ich wieder in Ruhe weiterarbeiten.

Jetzt kann ich meine Freundschaft mit Calibri auch öffentlich kundtun, ohne dabei ein komisches Gefühl haben zu müssen. Denn ich bin nicht allein. Es gibt noch mehr Menschen wie mich, die sich Schriften zu Freunden gewählt haben. Auf Facebook ist das ganz einfach. Wie kürzlich in der Online-Ausgabe der PAGE zu lesen war, ist es gar nicht so ungewöhnlich, zu einer Schrift ein sehr emotionales Verhältnis zu haben: So gestehen manche Leute auf Facebook ihre Liebe zu der natürlichen, serifenlosen Schönheit von Gill Sans, während andere verschworene Häuflein bilden, um gemeinsam ihrer Verachtung für … na? … jawoll! … Times New Roman Ausdruck zu verleihen.

Sicher werden Schriften auch auf Facebook niemals so viele Fans haben wie Lena Meyer-Landrut oder Ozzy Osbourne. Aber es ist ein gutes Gefühl zu sehen, dass es noch eine ganze Menge Menschen gibt, denen Typografie auch im Internet-Zeitalter noch eine Herzensangelegenheit ist.

Klickst Du noch oder wohnst Du schon?

Es soll ja Menschen geben, die haben sich im Internet bereits häuslich niedergelassen. Kein Wunder – wozu noch rausgehen aus den eigenen vier Wänden, wenn man Freunde im Web treffen oder Einkäufe auch stressfrei online erledigen kann?

Und wie richtet man sich im Intenet ein? Genauso wie im richtigen Leben – mit Ivar, Billy, Hemnes, Klippan & Co. natürlich! Wie das geht? Das verrät einem Nils, der Vorzeigebewohner der neuen Hej-Community von IKEA.

Schon lange demonstriert IKEA Familiensinn und duzt seine Kunden, als wären es Onkel Fritz, Oma Wilhelmine oder der kleine Klaus aus der Nachbarschaft. Und seit Anfang Februar findet sich die IKEA-Family online zu jeder Tages- und Nachtzeit auf der Hej-Website zusammen, gestaltet Räume nach eigenem Gusto und bittet andere Besucher zur Besichtigung ins virtuelle Heim.

Ogilvy in Frankfurt hat für IKEA mit Hej ein Web-2.0-Konzept entwickelt, das Schule machen könnte. Hier wurde nicht einfach einem Webshop eine Community aufgepfropft, nein, bei Hej sind die Übergänge fließend. Überall gibt es etwas zu entdecken – nicht nur die Wohnzimmer der anderen Community-Bewohner, sondern auch Inspirationen fürs Einrichten, Tipps von Koch-Profis, kleine Filmchen, Gewinnspiele und vieles mehr. Selbst getestet: Man geht rein, fühlt sich wohl, ja fast „zuhause“ – und vergisst beim Herumklicken in Hej auch gerne mal die Zeit.

Egal ob der Einzug in die Hej-Community dann schon am nächsten Wochenende oder in ein paar Monaten zu einem Einkauf im schwedischen Möbelhaus führt: Wer sich einmal bei Hej willkommen gefühlt hat, wird die Marke IKEA sicher als den netten Onkel mit den hübschen Möbeln im Gedächtnis abspeichern. ;-)

Heinz geht Surfen

Eine rote Soße, die man über die Frikadelle kippt – was soll daran spannend sein? Ketchup-Hersteller Heinz zeigt es uns. Denn auch wenn Heinz ein altes Traditionsunternehmen ist, geht es doch mit der Zeit und hat sich ein Gespür für frische Werbeformen bewahrt.

Alle reden von dem Werbepotenzial, das in den Social Communities steckt. Da wird viel herumgespielt und experimentiert. Auch Heinz engagiert sich hier – in kleinen, gezielten und offenbar sehr wirkungsvollen Aktionen. Warum  das so gut funktioniert? Weil Heinz die User dazu anstachelt, selbst aktiv zu werden und ihre Kreativität unmerklich in den Dienst der Werbung zu stellen …

Im Juni vergangenen Jahres ließ Heinz in einem viralen Werbespot so mitreißend auf Ketchup-Flaschen herumtrommeln, dass die Füße der Internet-User nur so mitwippten – an die 250.000 Mal wurde der Spot in vier Wochen aufgerufen. Er verwies wiederum auf die Microsite www.room57.de, auf der man selbst seine eigenen Videos kreieren und an einem Wettbewerb teilnehmen konnte.

Parallel dazu wurde der neue, flash-basierte Heinz-Internetauftritt gestartet – komplett mit Links zu user-generierten Beiträgen. Hinzu kommen interaktive Elemente wie eine Fan-Page auf Facebook oder eine Abstimmung über die Optik des neuen Flaschenetiketts – der Consumer wird dadurch in die Lage versetzt, die Marke aus seiner eigenen Perspektive zu erleben und zu erforschen, statt „von außen“ ein Markenbild „aufgedrückt“ zu bekommen. Dass diese Form der Markenerfahrung ankommt, zeigt sich an der regen Beteiligung an den genannten Aktionen.

Und bald wird es draußen wieder sonniger und wärmer – die nächste Grillsaison steht vor der Tür. Undenkbar ohne Ketchup und Grillsoßen. Da werden neue coole Internet-Aktionen von Heinz wohl nicht mehr lange auf sich warten lassen …

Mit der Marke spielen

Pickelige Pizza-Esser, die blass und mit geröteten Augen vor dem Monitor hängen und seit Tagen keine Dusche mehr gesehen haben. „Killerspieler“ mit angeblich gesteigertem Gewaltpotenzial und Online-Rollenspiel-Süchtige, die der realen Welt abhanden gekommen zu sein scheinen. Immer noch wird versucht, das Hobby Computerspiele durch dümmliche Pauschalisierungen beim Gros der Bevölkerung schlecht zu reden. Nichtsdestotrotz ändern sich die Zeiten: Mittlerweile frönen sogar schon Senioren im Pflegeheim dem virtuellen Bowling mit Nintendos Wii-Konsole, und auch in der breiten Bevölkerung finden digitale Spiele immer mehr Anhänger. Diese Entwicklung profitiert unter anderem auch davon, dass Spiele aus ihrem „nerdigen“ Nischen-Dasein geholt wurden und nun vielfach als unkomplizierte, benutzerfreundliche „Casual Games“ eine breite Masse begeistern können.

Auch die Werbung hat „Casual Games“ für sich entdeckt – nach ersten zaghaften Versuchen in den späten 90er Jahren sind digitale Spiele mittlerweile zu einem festen Bestandteil innovativer, crossmedialer B2B- und B2C-Kampagnen geworden. Viele Unternehmen nutzen heute neben Web 2.0 oder Mobile-Technologien ganz gezielt Computerspiele, um ihrer Marke ein fortschrittliches, jugendliches Image zu verpassen.

Die Möglichkeiten sind vielfältig – die Bandbreite reicht von Edutainment bis hin zu gut gemachten reinen Unterhaltungsprogrammen. Viele Unternehmen lassen sich von Agenturen selbst kleine Spiele entwickeln, mit denen sie ihre Produkte dem Kunden näherbringen oder komplizierte Sachverhalte auf spielerische Weise erklären. Andere – wie zahlreiche TV-Sender, denen angesichts schrumpfender Zuschauerzahlen die Werbe-Etats wegbrechen – werden gar selbst als Spiele-Publisher tätig, um sich neue, jugendlichere Zielgruppen zu erschließen.

Nachdem sich der Hype um „Second Life“ nun auch als Luftblase erwiesen hat, suchen Unternehmen andere, erfolgversprechendere Möglichkeiten, ihre Marken in virtuellen Welten zu platzieren. Auch das funktioniert am besten in Spielen, und zwar in Form von „In-Game-Advertising“. Sei es, dass Spieler der „Sims“ auf der Community-Seite einen virtuellen Coca-Cola-Automaten herunterladen und in der Wohnung ihrer Spielfiguren aufstellen können. Oder indem BMW eigene eSports-Wettkämpfe mit einem speziell entwickelten Rennspiel veranstaltet.

Enorm erfolgreich mit Spielen, die sich rein aus Werbeeinnahmen finanzieren, ist die österreichische Greentube AG. Für ihre „Ski Challenge“, die seit 2005 jeden Winter im Internet ausgetragen wird, können sich namhafte Sponsoren wie Samsung, Siemens, Coca-Cola, McDonald´s, Raiffeisen, Tipp3, Uniga, Red Bull, Nokia, adidas, Telenor und UPC begeistern. Da sich die „Ski Challenge“ mit insgesamt sechs Millionen Spielern zum „größten virtuellen Skirennen der Welt“ entwickelt hat, verwundert es kaum, dass viele Unternehmen aus dem B2C-Bereich darauf erpicht sind, ihre Marken als Bandenwerbung an den virtuellen Pisten zu sehen.

Das Beispiel „Ski Challenge“ zeigt aber auch noch etwas anderes: Werbespiele müssen keineswegs simpel gestrickt sein, um Erfolg zu haben. Sie dürfen dem Spieler ruhig etwas abfordern – Hauptsache, die Benutzerführung ist so komfortabel wie möglich und man wird am Ende für seine Anstrengungen angemessen „belohnt“. Auf dieses Konzept setzen vermehrt flashbasierte Browserspiele, die nicht einmal eine Installation am Rechner erfordern, aber durchaus packende Spielerlebnisse ermöglichen.

Wie so oft, ist man im asiatischen Raum schon wieder ein paar Schritte weiter als bei uns: Dort werden um Marken bereits selbst eigene virtuelle Welten kreiert – so können kleine Mädchen heute schon ganz in die rosafarbene Welt des Online-Rollenspiels „Hello Kitty Online“ abtauchen …