Aprilscherz zum Markenkult

Der Online-Shop ThinkGeek verkauft alles, was das Techie-Herz begehrt: vom Star-Trek-Pizzaschneider über essbare iPhone-Hüllen bis hin zum Fußabstreifer mit der IP-Adresse des eigenen WLAN-Routers reicht das Sortiment. Doch pünktlich zum 1. April hatte der nerdige Laden ein neues spektakuläres Produkt im Angebot: Zu Preisen zwischen knapp 50 und 180 US-Dollar war der Playmobil Apple-Store verfügbar – das perfekte Ostergeschenk für den Nachwuchs von Steve-Jobs-Jüngern in aller Welt. Schon die Kleinsten muss man schließlich frühzeitig auf die tolle Konsumerfahrung in einem jener stylischen Apple-Paläste vorbereiten, vor denen sie selbst in etwa 20 Jahren fiebernd Schlange stehen werden, um zu den Ersten zu gehören, die das neue iGadget in Händen halten dürfen.

Der Playmobil Apple-Store wurde bildschirmfüllend und höchst professionell auf dem ThinkGeek-Portal beworben – komplett mit Videopräsentation, die die Vorzüge des Spielzeugs in typisch hochtrabender Apple-Manier („so intuitive!“) von smarten, fröhlich gekleideten, politisch korrekten Menschen ins rechte Licht rücken lässt. Das Set enthält sogar eine Steve-Jobs-Figur und auf der Playmobil-Seite liegt angeblich ein Audio-File mit einer Keynote Speech zum Download bereit. Als Zusatzpack ist eine Menschenschlange erhältlich, die geduldig vor dem Laden wartet, bis sich die Tür in die glitzernde Apple-Welt öffnet … und wer jetzt Blut geleckt hat und auf den „Kaufen“-Button klickt, erfährt die brutale Wahrheit: Die Kooperation der Kultmarken Apple und Playmobil gibt es (bislang) noch nicht – der Playmobil Apple-Store ist nichts weiter als ein hervorragend gemachter Aprilscherz.

Angesichts der Geschwindigkeit, mit der sich der ThinkGeek-Link zum Spielzeug-Apple-Store über Facebook und Blogs verbreitete, dürften jedoch sowohl Playmobil als auch Apple von dieser netten Konsum-Satire profitieren. Und ThinkGeek hat mittlerweile mehr als 43.000 „Gefällt“-Klicks von Facebook-Nutzern eingeheimst. Drei auf einen Streich: Selten war virale Markenwerbung effizienter und witziger – und ein kleiner Schuss Selbstironie setzt sich im Langzeitgedächtnis des potenziellen Kunden zweifellos als positives Signal fest. Eine sehr gelungene Aktion, vor der man nur den Hut ziehen kann.

Schnappschüsse für die Marke

„Wow, sieht das toll aus. Wusste gar nicht, dass der mit einer Kamera umgehen kann!“ Pustekuchen. Facebook scheint gegenwärtig die Community der kreativen Fotokünstler zu werden – doch schon bald kommt man dahinter, dass hinter dem ganzen Bilderzauber lediglich eine iPhone-App steckt. Instagram heißt das Progrämmchen, das mit diversen Filtern noch aus dem misslungensten Handykamera-Shot ein kleines Meisterwerk werden lässt. Die App erfreut sich größter Beliebtheit und längst tauschen die User begeistert ihre besten Aufnahmen untereinander aus. Ein Trend, der auch Potenzial für die Markenwerbung in Social Media hat, glauben Unternehmen wie Starbucks mittlerweile.

Mashable berichtet, dass Starbucks in der Markenkommunikation bereits seit mehreren Monaten Instagram einsetzt und so beispielsweise den Usern den unterhaltsamen Blick hinter die Kulissen der Lifestyle-Kaffeekette bietet. Laut Produktmanager Brad Nelson begannen die Leute zunächst von sich aus, Starbucks-Fotos zu tauschen, und mittlerweile hat das Unternehmen über Instagram-Aktionen wohl an die 5.000 Followers gewonnen.

Instagram und ähnliche Dienste sind noch sehr jung. Ihre Möglichkeiten sind bei Weitem noch nicht erforscht und ausgeschöpft. Der positive Effekt fürs Unternehmen: Via Instagram ist es einfach, einen direkten Draht zur Community zu finden. Und ein bisschen was von dem Witz und der Kreativität, die sich in den Instagram-Fotos widerspiegeln, geht bei solchen Aktionen auch zwangsläufig auf das Markenbild über. Wer seine Marke also als frech, fortschrittlich, kreativ und am Puls der Zeit positionieren will, sollte möglichst schnell individuelle Wege finden, Instagram & Co. in seine Kommunikation einzubinden ­ bevor es alle tun und das Instrument seine Frische verliert … Die Gefahr besteht nämlich  durchaus, dass sich die Sache mit den hippen Fotos relativ rasch totläuft. Dann würde sich die Wirkung auf die Marke ins Gegenteil verkehren. Und wer will schon als „Late Adopter“ rüberkommen, der lediglich einem längst abgehakten Trend hinterherhechelt?

Der Apfel färbt ab

Schiefertafel – in meiner Grundschulzeit eine geniale Sache. Man konnte mit dem Griffel drauflos werkeln, und wenn was nicht gut war: einfach Schwamm drüber! Heute erledigt man das Ganze digital. Was für ein Fortschritt, als man von der Schreibmaschine und Tippex zu Textverarbeitungssoftware und Delete-Taste übergehen konnte. Endlich saubere Ausdrucke ohne offensichtliche nachträgliche Korrekturen!

Und jetzt der Schritt zurück nach vorn: die digitale Schiefertafel. Zuerst von Spöttern als überflüssiges Zeitgeist-Gimmick belächelt, offenbaren Tablet-Computer wie Apples iPad, das auch in Deutschland bald in der zweiten Generation verfügbar sein wird, allmählich einen Nutzwert, der anfangs kaum zu erkennen war. Natürlich lässt sich über die Angemessenheit der restriktiven App-Politik von Steve Jobs’ Unternehmen streiten. Trotzdem schießen iPad- und iPhone-Apps wie Pilze aus dem Boden – und werden oft von Unternehmen als Plattform für die zeitgemäße Kundenansprache genutzt. Ob Autokonzern oder Immobilienvermittler – die kostenlose App gehört mittlerweile vielfach zum guten Ton.

Es soll sogar schon Versicherungskonzerne geben, die ihre Außendienstler beim Kunden statt mit Printbroschüren oder Powerpoints auf dem Laptop mit dem iPad vorsprechen lassen. Mit dem ultrahippen Lifestyle-Statussymbol iPad transportiert selbst der trockenste Vertreter der Kundenberater-Zunft die Message, dass er für ein aufgeschlossenes, modernes Unternehmen steht. Großartiger Nebeneffekt: Anders als das Notebook hebt das iPad die Distanz zum Gegenüber auf. Gemeinsam frönt man dem Spieltrieb und kann ganz nebenbei die Informationen (oder Werbebotschaften) weitergeben, auf die es eigentlich ankommt.

Das Interessante dabei: Immer wieder wird diskutiert, ob man mit iPad- oder iPhone-Apps nicht die Mehrheit der User anderer Systeme als Kundenzielgruppe vernachlässigt. In Wirklichkeit scheint diese Frage eher nebensächlich zu sein. Worauf es ankommt, ist, dass ein Unternehmen bzw. eine Marke hippe Kommunikationskanäle wie das iPad für alle sichtbar nutzt. Das wertet die Marke auf und lässt sozusagen etwas von dem Glamour des Apple-Lifestyle-Objekts auf die Marke überspringen – vorausgesetzt, es beißt sich nicht komplett mit der sonstigen Gestaltung des Markenauftritts.

Wer iPad & Co. souverän in der Kundenkommunikation einsetzt, umgibt sich mit der Aura des Fortschrittlichen, des den schönen und wertigen Dingen des Lebens Zugetanen. Die Marke profitiert davon – egal ob der Kunde nun selbst ein iPhone oder iPad sein Eigen nennt oder nicht. Was für die Marke zählt, ist die unterschwellige Message: „Ich lebe am Puls der Zeit. Für mich sind Funktion und Ästhetik aufs Engste miteinander verknüpft. Und ich halte trotz knallhartem Business für meine Kunden einen gewissen Entertainment-Faktor bereit.“ Somit fungieren etwa iPad  und iPhone nicht nur als Werkzeuge für die Vermittlung der Markenbotschaft, sondern werden bis zu einem gewissen Grad sogar selbst deren Träger. Ganz nach dem Motto der Borg in Star Trek: „Widerstand ist zwecklos. Sie werden assimiliert. Widerstand ist zweck …“ ;-)

Wenn Helden hacken

Es war einmal eine bekannte deutsche Werbeagentur namens Jung von Matt und eine beliebte deutsche Popgruppe, die sich „Wir sind Helden“ nannte.  Deren Sängerin wiederum nennt sich Judith Holofernes – eine Anspielung auf einen babylonischen General, dem der alttestamentarischen Legende zufolge das Haupt abgehackt wurde.

„Ich glaub, es hackt!“, schrieb Frau Holofernes erbost an die Agentur Jung von Matt, als diese anfragte, ob Wir sind Helden sich als Promi-Werbe-Testimonial für die bekannte Zeitung mit vier Buchstaben aus dem Springer-Verlag zur Verfügung stellen würden.

„Ich glaub, es hackt!“ könnte sich jetzt zum geflügelten Wort entwickeln, denn die Anfrage von Jung von Matt und Holofernes’ Antwort haben sich in den sozialen Netzen des Internet innerhalb von Stunden zu einem unkontrollierbaren Selbstläufer entwickelt. Irgendwann war dann sogar unklar, ob der Mailwechsel JvM/Holofernes nicht selbst beabsichtigter Bestandteil der BILD-Kampagne sein könnte, ob es sich hier nicht letztendlich komplett um einen genialen Coup der Jung-von-Matt-Guerilla-Truppe handeln würde. Letztendlich waren sie nach kürzester Zeit alle wieder im Gespräch: Jung von Matt, Wir sind Helden und nicht zuletzt die BILD Zeitung.

Aber die Sache wird noch komplizierter. Kaum war die Hacktion ins Rollen gekommen, schaltete sich ein User der SZ-Community jetzt.de in das Geschehen ein und schrieb eine fiktive, provozierende Jung-von-Matt-Replik auf Holofernes’ wütende Absage – mit dem Effekt, dass nicht nur viele Leser der Community, sondern auch Nachrichtenportale wie kress.de darauf aufmerksam wurden. Viele merkten nicht, dass es sich um Satire handelte und glaubten tatsächlich, dass der Text von Jung von Matt stammen würde. War der Autor womöglich Jung-von-Matt-Mitarbeiter, der nun die Community von innen aufrollte? Am Ende wusste keiner mehr, wer nun eigentlich für was verantwortlich war. Guerilla-Marketing at its best – aus sich selbst heraus entstanden und mit einer ungeheuren Eigendynamik. Nun, in der Hitze des Gefechts klärte besagter jetzt.de-User die Sache auf und erläuterte die Hintergründe seiner Aktion. Der Autor gab sich in diesem Zusammenhang sogar mit seiner wahren Identität zu erkennen und outete sich als Teilhaber einer Berliner Fotografenrepräsentanz. Wahrscheinlich hat sich deren Homepage noch nie derart hoher Klickraten erfreut wie in den letzten Tagen.

Und so fügt sich alles zusammen: ein paar Blogs, Facebook, Twitter, jetzt.de und diverse Nachrichtenportale. Und alle profitierten davon: Jung von Matt, Wir sind Helden, jetzt.de, BILD … und eine kleine, feine Fotografen-Agentur in Berlin … ein Lehrstück über die manchmal recht unberechenbare Werbewirkung von sozialen Netzwerken.

Das zerbeulte Marken-Fahrrad.

Der gegelte Axolotl

Wer sich mit seiner Persönlichkeit als Marke positionieren will, um sein Profil zu schärfen und seinem gesellschaftlichen oder monetären Erfolg damit einen ordentlichen Schub verleihen möchte, sollte sich an ein altes Sprichwort halten: „Ehrlich währt am längsten“. Das mag altbacken klingen, aber gerade in den letzten Tagen hat es sich gezeigt, dass doch sehr viel Wahres in diesen vier Wörtchen steckt.

Blicken wir ein Jahr zurück: Da brachte die damals gerade 17-jährige Jungautorin und Dramaturgen-Tochter Helene Hegemann das zunächst als Sensation gefeierte Machwerk „Axolotl Roadkill“ auf den Markt. Die Feuilletons überschlugen sich mit begeisterten Lobeshymnen – bis ein Blogger Hegemann nachwies, dass große Teile ihres Buches schlicht und einfach abgekupfert waren. Der Skandal schlug hohe Wellen und dürfte die Verkaufszahlen noch einmal  kräftig nach oben getrieben haben. Schließlich wollte ja jeder mitreden, ob es sich im Fall von „Axolotl Roadkill“ nun um banales Abschreiben oder um ein Paradebeispiel für poststrukturalistische „Intertextualität“ handeln würde. Gut, das Buch verkaufte sich, heute ist es schon fast dem Vergessen anheimgefallen. Und Helene Hegemann, einst als hyperbegabte, authentische Nachwuchsschriftstellerin gehandelt, kann jetzt die Reste ihres guten Rufs zusammenkratzen.

Auch wenn Sinn und Zweck des Urheberrechts heute immer wieder in Frage gestellt werden und Hegemanns Buch von manchen Apologeten zum Exempel für eine Kulturtechnik der Zukunft hochstilisiert wurde, es bleibt der Makel des Abschreibens. Hegemann hat damit die Aura der genialen, kaum dem Kindesalter entwachsenen Kreativen verspielt – sozusagen das Kennzeichen und Alleinstellungsmerkmal der Marke „Helene Hegemann“. Durch das exzessive Plagiieren von Texten des Berliner Bloggers Airen und etwa der britischen Band Archive hat Hegemann ihre oft beschworene Authentizität verloren: ihr Werk ist nicht ihres, ihre Marke basierte nicht auf den eigenen Leistungen. Es dürfte schwer sein, diese Scharte wieder auszuwetzen.

Ganz ähnlich ergeht es derzeit Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg, der sich in der Bevölkerung lange Zeit durch Schneid, klare Worte und ein bisschen Adelsglanz besondere Sympathien erwerben konnte. Bislang hat es Guttenberg verstanden, Kritik an seiner Arbeit an sich abperlen zu lassen. Schnelle Entlassungen von vermeintlich Verantwortlichen ließen sich gut als Zeichen von Entschlossenheit verkaufen. So weit, so gut die Marke Guttenberg.

Mehr noch als durch geöffnete Post von Afghanistan-Soldaten und die Vorgänge auf der Gorch Fock könnte Guttenberg jetzt durch eigenes Handeln ins Schlingern geraten – mit seiner Dissertation, in der sich – wie erst jetzt bekannt wurde – wie in Hegemanns „Axolotl Roadkill“ eine ganze Reihe abgeschriebener Passagen finden. Ob Guttenberg seinen Doktor-Titel nun behalten darf oder nicht, ist eigentlich egal – seine „Marke“ hat bereits mit der Veröffentlichung der abgekupferten Stellen bei Spiegel, Süddeutsche & Co. schmerzhaften Schaden genommen. Guttenberg hat etwas von seinem Image des zupackenden „Machers“ eingebüßt – indem er sich zweifelhafterweise an dem bedient hat, was andere vor ihm „gemacht“ haben. Ein paar Anführungszeichen mehr zur Kennzeichnung von Zitaten – Ehrlichkeit im Umgang mit seinen Quellen eben – hätten ihm und seiner Marke dieses Schlamassel ganz einfach ersparen können.

Der tägliche News-Overkill – und doch uninformiert

Rupert Murdoch, australischer Medienmogul, schlägt wieder zu: Diesmal jedoch nicht mit einem neuen Print-Produkt, sondern mit “The Daily”, einem kostenpflichtigen Nachrichten-Angebot für Apples iPad. Wie kürzlich bereits Axel-Springer-Vorstandsvorsitzender Mathias Döpfner, preist auch Murdoch Steve Jobs’ stylischen Tablet-Computer als Retter der weltweiten Zeitungslandschaft. In einem Zeitalter, in dem wegen der vielfältigen kostenlosen News-Angebote im Internet ein Massensterben der Print-Medien eingesetzt hat, würde das iPad den Verlagen neue Einnahmequellen eröffnen. „Neue Zeiten brauchen neuen Journalismus“, verkündete Murdoch laut dpa beim Launch von „The Daily“ in New Yorker Guggenheim-Museum.

Trotz Direktanbindung an Social Media wie Facebook und Twitter oder die Kommentarfunktion bietet „The Daily“ inhaltlich nichts bahnbrechend Neues. Nachrichten bilden nur eine von sechs Rubriken, die in erster Linie nicht der politischen Information, sondern dem Entertainment dienen. Der erste Eindruck: Im Vordergrund steht die schicke Optik, nicht der tiefgründige Inhalt. Angesichts der zahllosen Online-Portale mit ähnlichen Angeboten fragt man sich, wer braucht „The Daily“ und wer würde dafür auch noch Geld ausgeben? Und wo ist da der „neue Journalismus“?

TheDaily

Zeitungen, Magazine und News-Anbieter scheinen in einem Teufelskreis gefangen: Nachrichten aus aller Welt prasseln mit einem atemberaubenden Tempo auf uns ein – und jeder will der Erste sein, der sie veröffentlicht. Schnelligkeit ist alles – sorgfältiges Hinterfragen findet kaum mehr statt, oft genug werden Pressemitteilungen nahezu unverändert und ohne kritische Sichtung einfach übernommen oder brandheiße News von anderen Portalen abgekupfert. Unter Recherche versteht man heute vielfach schon den kurzen Klick in Wikipedia. Der Propaganda und Nachrichten-Manipulation sind damit Tür und Tor geöffnet. Die Pressefreiheit schränkt sich quasi von selber ein.

Die Werbeeinnahmen für Print-Produkte brechen ein, Qualitätsjournalismus scheint auch angesichts der mangelnden Bezahlbereitschaft der Konsumenten für Internet-Content nicht mehr finanzierbar. Produziert wird möglichst billig mit ebenso billigen Arbeitskräften, die teilweise vor lauter Druck nicht einmal mehr ihr Handwerk richtig erlernen. Der Leser ist aber nicht so blöd, dass er das alles nicht irgendwie mitbekommen würde. Für schlampige Arbeit will man aber eben nun mal kein Geld ausgeben. Im Gegenteil: Viele Konsumenten sind es inzwischen leid, sich mit schlecht aufbereitetem Content abspeisen zu lassen, der sich in fast identischer Form auf Hunderten von Portalen findet. Man fühlt sich auf diese Weise einfach nicht informiert – der „neue Journalismus“ von „The Daily“ wird daran nichts ändern, im Gegenteil.

Dass hingegen der Hunger nach kritischer Berichterstattung und investigativem Journalismus wieder im Wachsen begriffen ist, zeigt das große Interesse an Wikileaks. Denn wenn schon traditionsreiche „Qualitätszeitungen“ und die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten angesichts der politischen Umwälzungen in Tunesien und Ägypten nicht einmal mehr ansatzweise ihrem Informationsauftrag nachkommen, ist es höchste Zeit für ein Umdenken – höchste Zeit, dass sich Presse und Journalismus wieder auf ihre Rolle als vierte Säule der Demokratie besinnen, statt sich selbst zum zahnlosen Organ für Hofberichterstattung und oberflächliche Publikumsbespaßung zu degradieren.

Aufschwung süßsauer

Viele sahen die deutsche Autoindustrie in den vergangenen beiden Jahren schon nahe am Abgrund. Verzweiflungsmaßnahmen wie Kurzarbeit und Abwrackprämie sollten den lahmenden Gaul wieder auf die Beine bringen. Doch heute? Fast der ganze Jammer ist schon wieder verflogen.

Deutsche Autobauer fahren wieder Sonderschichten, Audi legte 2010 mit 1,1 Millionen verkauften Fahrzeugen das beste Ergebnis der Unternehmensgeschichte hin, VW setzte 4,5 Millionen Autos ab und Daimler jubelt über einen Zuwachs von 12 Prozent. Doch auf welchen Straßen sind die Legionen der im vergangenen Jahr abgesetzten Neuwagen eigentlich unterwegs? In Deutschland wohl kaum. Einschlägigen Erhebungen zufolge verkauften alle Autohersteller zusammen in Deutschland 2010 nur etwa 2,9 Millionen Fahrzeuge. Stattdessen öffnet sich gegenwärtig ein Markt, den bis vor kurzem noch kaum jemand so richtig auf dem Plan hatte. Schwellenländer, besonders in Fernost, legen derzeit massiv an Wirtschaftskraft zu und haben die westlichen Industrienationen mit Wachstumsrekorden vielfach schon überrundet. J.P. Morgan prophezeit jetzt schon, dass G20 bald mehr Gewicht haben wird als G7, wenn es um die weitere Entwicklung der Weltwirtschaft geht.

China entwickelt sich beispielsweise gegenwärtig zur wahren Goldgrube für deutsche Autohersteller. Denn wer in Peking, Shanghai oder Shenzhen etwas auf sich hält, fährt nicht etwa eine einheimische Marke, sondern setzt auf Premium-Produkte von BMW, Audi, Mercedes & Co.  Doch der neue, so ungeheuer dynamische Absatzmarkt birgt nicht nur Chancen für hiesige Unternehmen, sondern auch Tücken für die deutsche Industrielandschaft. Es ist naheliegend, dass OEMs und Zulieferer mittelfristig dazu übergehen werden, die neuen Wachstumsmärkte direkt vor Ort zu bedienen und ihre Ressourcen zunehmend in Richtung Fernost zu verlagern. Von dieser Entwicklung wird nicht nur die Produktion betroffen sein, sondern auch Forschung und Entwicklung. Selbst in Sachen Ausstattung und Design dürfte man sich zunehmend an den Anforderungen des asiatischen Raums ausrichten.

Was also gegenwärtig noch vielfach euphorisch als Wachstumsmotor für die deutsche Wirtschaft begrüßt wird, könnte sich bald als echtes Problem erweisen. Den Unternehmen kann man die Orientierung hin zu neuen lukrativen Räumen kaum verdenken. Mit der zunehmenden Abhängigkeit deutscher Großkonzerne vom chinesischen Markt begeben sich Letztere jedoch nicht zuletzt aufgrund unberechenbarer politischer Voraussetzungen auch auf dünnes Eis, dessen Tragfähigkeit heute noch kaum sicher einzuschätzen ist. Wollen wir hoffen, dass sich hier nicht in absehbarer Zukunft die nächste „alternativlose“ Notwendigkeit für einen „Rettungsschirm“ anbahnt …

Mit Freunden Geschäfte machen

Kaum ein Internet-Phänomen ist derzeit so heftig umstritten wie Facebook. Im Vordergrund steht dabei häufig die Angst, die Kontrolle über persönliche Daten zu verlieren und zum Spielball von Konzernen, Werbung oder sogar politischer Interessengruppen zu werden. Wie immer, wenn etwas neu ist, überwiegen zunächst die Bedenken – dabei sind wir auch ohne Facebook längst zu „gläsernen Bürgern“ geworden.

Sicher müssen Datenschutz und Persönllichkeitsrechte sehr ernst genommen werden. Aber in der aktuellen öffentlichen Facebook-Diskussion gerät die andere Seite der Medaille zunehmend ins Hintertreffen: das enorme Potenzial, das Facebook nicht nur für das Pflegen privater Kontakte hat, sondern auch für die Kommunikation auf B2B- und B2C-Ebene.

So ermöglicht es Facebook Händlern und Unternehmen, über eigene Profilseiten die emotionale Brücke zum Kunden zu schlagen und Vertrauen aufzubauen. Der persönliche Kontakt zwischen Kunden und Anbieter kann also schon hergestellt werden, bevor Ersterer überhaupt den Laden betritt. Praktisch: Der Kunde kann sich vorab ein klares Bild vom Verkäufer machen und weiß unter Umständen sogar schon, wer sein persönlicher Ansprechpartner ist.

Bei der Beziehung zwischen Händler und Kunden erweist sich gerade die Transparenz von Facebook als großer Vorteil: Mit einem Blick auf die unternehmenseigene Pinnwand wird es für den Händler deutlich, wie gut sein Auftritt beim Kunden ankommt und wo Optimierungsbedarf besteht. Und der Interessent erkennt sofort, wie intensiv sich der Händler um seine Kunden kümmert, wie schnell und wie ausführlich Anfragen beantwortet werden und wie umfangreich das Service-Angebot ausfällt.

Facebook bedeutet für Werbe- und Marketingabteilungen die Abkehr vom reinen Kampagnendenken. An die Stelle von zeitlich befristeten Aktionen setzt Facebook die dauernde Präsenz. Wer hier durch Rührigkeit, Kundennähe und Vertrauenswürdigkeit überzeugt, hat beim Kunden automatisch die besseren Karten – und das ohne großen Aufwand an Zeit und Personalressourcen.

Nur einen Fehler sollte man als Händler vermeiden: Facebook ist als direkter Verkaufskanal nur bedingt geeignet. Man sollte das Portal vielmehr als Medium nutzen, sein eigenes Profil zu schärfen und durch nachhaltigen, intensiven Kontakt mit dem Kunden eine dauerhafte Vertrauensbasis zu schaffen. Dann läuft es mit den Verkäufen auch ganz von selbst …

Innovation – nur noch ein überstrapazierter Begriff?

Jeder Betrieb, der auf sich hält, präsentiert sich in irgendeiner Weise als „innovativ“. Oft hat das nicht viel zu bedeuten. Doch auch wenn der Begriff „Innovation“ heute in aller Munde ist und deshalb etwas an Wertigkeit eingebüßt hat, gibt es immer noch Entwicklungen, die man guten Gewissens als „wirklich innovativ“ bezeichnen kann.

Eine kleine, wahre Geschichte, wie aus einem unscheinbaren Funken eine „wirklich innovative“ Bewegung mit steigendem Einfluss werden kann:  Vor wenigen Jahren trafen sich ein paar findige Menschen und gründeten einen Verein. Ihr Anliegen: „wirklich innovative“ Ideen vorantreiben und erfolgreich zur Marktreife bringen. Zu diesem Zweck lud der Verein an einem Wochenende weitere findige Menschen ein, um zukunftsträchtige Geschäftsideen zu entwickeln und in die Tat umzusetzen. Das Konzept zündete und führte tatsächlich zu einer Firmengründung.

Die Idee, Innovationen zu fördern, indem man kreative Geister aus den unterschiedlichsten Bereichen zusammenbringt, wurde weitergetragen. Vertreter namhafter Großfirmen trafen sich mit externen Spezialisten aus anderen Branchen sowie mit Technologie-Anwendern zum fruchtbaren Gedankenaustausch. Ziel war die Entwicklung eines Konzepts für ein neues Produkt. Das Arbeitsergebnis eines einzigen Tages: mehr als 800 Ideen und fünf komplett ausgearbeitete Produktpläne.

Das Fazit: Es beflügelt den Geist, über den eigenen Tellerrand zu blicken und gemeinsam mit „Fachfremden“ über neue Lösungen nachzudenken. Was eigentlich eine Binsenweisheit sein sollte, setzt sich nun allmählich als Erkenntnis durch. An allen Ecken und Enden des Internets entstehen gegenwärtig Communities, in denen Menschen gemeinsam an neuen Entwicklungen für die Zukunft arbeiten, Workshops abhalten und Daten untereinander austauschen – ohne Dünkel, ohne Berührungsängste. Ein erfreulicher Trend, der viele alte Innovations-Hemmnisse aufbrechen dürfte.

Sixt: Transport mit ungewissem Ausgang

In den letzten paar Tagen fühlte man sich fast in die frühen Achtziger zurückversetzt: Die Atomkraft-Diskussion ist wieder ein Thema, das Bauern, Familien, Rentner und Jugendliche, Büroangestellte und Fabrikarbeiter gleichermaßen auf die Straßen treibt. Der Beschluss zur Verlängerung der Laufzeiten hiesiger Atomkraftwerke und der Transport der Castor-Behälter ins Zwischenlager Gorleben haben gerade am vergangenen Wochenende deutlich mehr Menschen mobilisiert als in all den Jahren seit Beginn der Atommülltransporte.

Die Proteste der Anti-Atom-Bewegung nutzte die Agentur Jung von Matt für ein gewagtes Spektakel zugunsten des Autovermieters Sixt: Orange gekleidete „Demonstranten“ mischten sich unter die Menge und trugen ein Banner mit dem Slogan „Stoppt teure Transporte! Mietet Van & Truck von Sixt!“ vor sich her. Sowohl Agentur als auch Auftraggeber Sixt feiern ihren „Castor-Coup“ auf sixtblog.de als „beispiellose Guerilla-Aktion“.

Sixt, bekannt für seine witzige Werbung mit teils knallharten politischen Statements, könnte sich am Castor jedoch verhoben haben. Nicht nur auf sixtblog.de, auch in anderen Communities dominiert die harsche Kritik an der Gorleben-Aktion: Viele User kritisieren, dass eine Veranstaltung mit ernsthaftem politischen Hintergrund nicht als Plattform für eine pekuniär orientierte Spaßkampagne missbraucht werden dürfe. „Was kommt als nächstes? Bei Demos gegen Kita-Gebühren-Erhöhungen Kondom-Werbung? Das hat nichts mit Meinungsfreiheit zu tun, sondern mit Anstand“, schreibt beispielsweise ein sixtblog-Leser namens Sven.

Viel Aufmerksamkeit in den Medien hat Sixt mit seinem polarisierenden Demo-Beitrag zweifellos bekommen. Doch nicht jede Publicity ist auch zielführend. Reihenweise haben Einzelkunden und Firmen im Internet bereits kundgetan, Sixt als Dienstleister fortan den Rücken kehren zu wollen. Wie sich die „Van & Truck“-Kampagne jedoch tatsächlich auf die künftigen Umsätze des Autovermieters auswirken wird, bleibt abzuwarten.

Man ist versucht, Sixts „Castor-Coup“ mit der Skandal-Werbekampagne zu vergleichen, mit der der italienische Textilkonzern benetton vor einigen Jahren für Furore sorgte. Doch es gibt einen gravierenden Unterschied: Zwar hat benetton das Leid von HIV-Positiven oder Kriegsopfern für die Werbung instrumentalisiert, mit seinen Darstellungen jedoch auch eine Diskussion über brisante gesellschaftliche Themen entfacht und sich so im Bewusstsein nachhaltig – etwas pathetisch ausgedrückt – als eine Art „soziales Gewissen“ etablieren können. Davon bleiben Sixt und Jung von Matt weit entfernt. Denn ihre Aktion hängt sich nur an die Gorleben-Proteste an, um eine banale „Kauf mich!“-Botschaft zu transportieren. Sixt nimmt nicht Stellung zur Atom-Diskussion, sondern benutzt sie nur. Damit hat Sixt in manchen Kundenkreisen sicher an Glaubwürdigkeit verloren und die orangene Marke einen unschönen Kratzer abbekommen.

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