Mein Kumpel Calibri

Den ganzen lieben langen Tag sitze ich vor dem Computer und tippe Texte – manchmal ein ziemlich einsames Geschäft. Und eines, bei dem man wählerisch wird. Da sucht man es sich schon ganz gezielt aus, wem man sein Vertrauen schenkt und wen man am liebsten die ganze Zeit um sich haben will. Nach vielen kurzen und weniger glücklichen Affären hab ich mich nun für Calibri entschieden. Calibri ist immer freundlich zu mir und ich fühle mich wohl in seiner Nähe. Danke, Lucas de Groot, dass du uns miteinander bekannt gemacht hast. Ein weniger harmonisches Verhältnis pflege ich mit Times New Roman, bei dem ich immer sofort an unangenehme Briefe vom Amt oder an dozierende Altphilologen denken muss. Times, den alten Römer, dulde ich nicht in meiner Nähe. Alles markieren, umformatieren, dann endlich wieder entspannen! Erst dann kann ich wieder in Ruhe weiterarbeiten.

Jetzt kann ich meine Freundschaft mit Calibri auch öffentlich kundtun, ohne dabei ein komisches Gefühl haben zu müssen. Denn ich bin nicht allein. Es gibt noch mehr Menschen wie mich, die sich Schriften zu Freunden gewählt haben. Auf Facebook ist das ganz einfach. Wie kürzlich in der Online-Ausgabe der PAGE zu lesen war, ist es gar nicht so ungewöhnlich, zu einer Schrift ein sehr emotionales Verhältnis zu haben: So gestehen manche Leute auf Facebook ihre Liebe zu der natürlichen, serifenlosen Schönheit von Gill Sans, während andere verschworene Häuflein bilden, um gemeinsam ihrer Verachtung für … na? … jawoll! … Times New Roman Ausdruck zu verleihen.

Sicher werden Schriften auch auf Facebook niemals so viele Fans haben wie Lena Meyer-Landrut oder Ozzy Osbourne. Aber es ist ein gutes Gefühl zu sehen, dass es noch eine ganze Menge Menschen gibt, denen Typografie auch im Internet-Zeitalter noch eine Herzensangelegenheit ist.

Verlotterter Auftritt im Bildungstempel

Unternehmen, die etwas auf sich halten, verbessern ihr Ansehen in der Öffentlichkeit gerne durch Sponsoring von sozialen, kulturellen oder bildungsfördernden Projekten. Gerade in Zeiten wie diesen, in denen es Bildung und Forschung schwer haben, an dringend benötigte finanzielle Ressourcen zu gelangen, kommt solche Unterstützung gerade recht.

Aber Sponsoren sollten auch von ihren Wohltaten profitieren – zum Beispiel, indem sie diese für Werbemaßnahmen gewinnbringend nutzen. Doch wie an anderen öffentlichen Orten unterliegen auch Werbeaktionen im Umfeld von Bildungseinrichtungen ganz eigenen Gesetzmäßigkeiten. Prospektständer an Fachhochschulen oder Universitäten sehen in der Regel innerhalb von kürzester Zeit „sehr mitgenommen“ aus. Aushänge an öffentlichen Pinnwänden gehen schnell in einer ausufernden Zettelflut unter. Ein positiver Werbeeffekt ist für den Kunden dann kaum mehr zu erwarten.

Eigentlich wäre es deshalb nötig, den Zustand der eingesetzten Werbemittel in kurzen Abständen zu kontrollieren. Eine Möglichkeit wäre, wöchentlich vor Ort Fotos anzufertigen, anhand derer der Kunde dann entscheiden kann, ob er eine Überarbeitung seines Werbeauftritts wünscht oder nicht. Schließlich geht es nicht nur darum, „irgendwie“ präsent zu sein, sondern sich von seiner besten Seite zu zeigen.