It’s Time for Another Revolution

Marken als Statussymbole – da denkt man zuerst an die dicke Rolex am Handgelenk, den Maserati vor der Luxusvilla an der Cote d’Azur, das zweckfreie Gucci-Handtäschchen zum  Designer-Kostüm von … doch neuerdings, in Zeiten von Krisen, Existenzängsten und schwindender Kaufkraft, versuchen sich manche Unternehmen deutlich vom „Edel-Image“ abzugrenzen und suchen bewusst die Nähe zum „gemeinen Volk“. Zuweilen ist das durchaus mit einem Wagnis verbunden – wenn beispielsweise Renault für den Dacia-Logan-Werbespot Karl Marx, Rosa Luxemburg, Lenin, Fidel Castro und Che Guevara aufmarschieren lässt, um die Notwendigkeit einer neuen sozialistischen Revolution zu beschwören. Die Konsumenten scheinen diese Art von Humor jedoch verstanden zu haben und zu schätzen zu wissen. Niemand hätte schließlich noch vor ein paar Jahren gedacht, wie viele Dacias heute auf unseren Straßen unterwegs sind …

Den Erfolg haben die Dacia-Stammagentur Nordpol und die Produktionsfirma Element E zum Anlass genommen, die „Revolution“ noch weiterzutreiben: Statussymbole werden kurzerhand in Status-Symptome umgedeutet – Dacia erscheint als Marke für diejenigen, die selbstbewusst genug sind, um herkömmliche Statussymbole nicht mehr nötig zu haben. Nordpol trifft damit offensichtlich den richtigen Nerv. Es soll sogar Wohlhabende geben, die die traditionellen Statussymbole mittlerweile als „unanständige“ Protzerei betrachten und sich mit bewusstem Understatement davon distanzieren. So mag es durchaus sein, dass der Dacia-Fahrer vor Ihnen Anwalt in einer renommierten Kanzlei ist. Andere – so suggerieren es die kurzen Videos auf http://www.status-symptome.de/akut – verfallen in die Status-Panik und wissen sich nur noch mit roher Gewalt gegen den Vormarsch der statusneutralen Marken zu wehren. Der Humor der Status-Symptome-Website ist frech und derb – aber gerade deswegen wird der Link gerade im Netz gerne von den Usern weiterverbreitet.

Anders als Renaults Billigmarke Dacia hat die indische Automarke Tata mit dem rund 2.000 Euro teuren Nano erhebliche Absatzprobleme. Bereits Ende vergangenen Jahres machte Tata-CEO Carl-Peter Forster schlechtes Marketing für die schleppenden Verkäufe verantwortlich. Fast möchte man rufen: Nordpol, übernehmen Sie! ;-)

Die Alten kommen

Jugendkult? Das war einmal. Wer heute das TV-Gerät einschaltet, sieht in den Werbepausen statt hibbeliger 20-Jähriger immer öfter Graumelierte „in den besten Jahren“. Kein Wunder, schließlich steigt das Durchschnittsalter in unserer Gesellschaft immer weiter an, und es gilt jetzt, eine Zielgruppe zu bedienen, die lange Zeit von der Werbung vernachlässigt worden ist. Die „Best Agers“, die „Silver Generation“, wie man die Älteren in Marketingkreisen gerne nennt, sind die Generation der Zukunft: mit viel Kaufkraft und viel Freizeit für viel Konsum.

Enexy, ein Süßigkeitenhersteller aus Schwäbisch Gmünd, treibt den neuen Trend nun auf die Spitze. Er lässt den 107 Jahre alten Johannes Heesters gemeinsam mit Rapper Oliver Harris in einem Werbespot für einen neuen Energy-Riegel antreten. Mit diesem Kniff der Berliner Agentur Alpha Pool gelingt der Brückenschlag zwischen Jung und Alt perfekt: Heesters zeigt dem Jungspunt Harris so richtig, wo der Hammer hängt („Du bist einfach nicht tight, Alter!“), während sich Harris cool in Selbstironie übt.

Der Enexy-Riegel soll laut Hersteller „neue Akzente im Süßwarenmarkt“ setzen und verbindet die aufputschende Wirkung von Koffein mit der von Guarana. Weiße Schokolade umhüllt eine Füllung aus neongrünem Gel. Horizont.net berichtet, dass der generationsübergreifende Power-Snack in Kürze im Handel landen soll. Wir wären sehr überrascht, wenn der humorige Spot und das Produkt selbst nicht einschlagen würden wie eine Bombe …

Schnappschüsse für die Marke

„Wow, sieht das toll aus. Wusste gar nicht, dass der mit einer Kamera umgehen kann!“ Pustekuchen. Facebook scheint gegenwärtig die Community der kreativen Fotokünstler zu werden – doch schon bald kommt man dahinter, dass hinter dem ganzen Bilderzauber lediglich eine iPhone-App steckt. Instagram heißt das Progrämmchen, das mit diversen Filtern noch aus dem misslungensten Handykamera-Shot ein kleines Meisterwerk werden lässt. Die App erfreut sich größter Beliebtheit und längst tauschen die User begeistert ihre besten Aufnahmen untereinander aus. Ein Trend, der auch Potenzial für die Markenwerbung in Social Media hat, glauben Unternehmen wie Starbucks mittlerweile.

Mashable berichtet, dass Starbucks in der Markenkommunikation bereits seit mehreren Monaten Instagram einsetzt und so beispielsweise den Usern den unterhaltsamen Blick hinter die Kulissen der Lifestyle-Kaffeekette bietet. Laut Produktmanager Brad Nelson begannen die Leute zunächst von sich aus, Starbucks-Fotos zu tauschen, und mittlerweile hat das Unternehmen über Instagram-Aktionen wohl an die 5.000 Followers gewonnen.

Instagram und ähnliche Dienste sind noch sehr jung. Ihre Möglichkeiten sind bei Weitem noch nicht erforscht und ausgeschöpft. Der positive Effekt fürs Unternehmen: Via Instagram ist es einfach, einen direkten Draht zur Community zu finden. Und ein bisschen was von dem Witz und der Kreativität, die sich in den Instagram-Fotos widerspiegeln, geht bei solchen Aktionen auch zwangsläufig auf das Markenbild über. Wer seine Marke also als frech, fortschrittlich, kreativ und am Puls der Zeit positionieren will, sollte möglichst schnell individuelle Wege finden, Instagram & Co. in seine Kommunikation einzubinden ­ bevor es alle tun und das Instrument seine Frische verliert … Die Gefahr besteht nämlich  durchaus, dass sich die Sache mit den hippen Fotos relativ rasch totläuft. Dann würde sich die Wirkung auf die Marke ins Gegenteil verkehren. Und wer will schon als „Late Adopter“ rüberkommen, der lediglich einem längst abgehakten Trend hinterherhechelt?

Pille statt Halstuch

Schon interessant, wie Markenwerbung manchmal funktioniert. Da schickt vor fünf Jahren beispielsweise Mobilfunk-Discounter simyo einen Herrn ins Rennen, der so gar nicht dem Klischee des gelackten Werbemodels entspricht: „Dan Williams“, laut simyo-Blog angeblich Alt-Hippie und Sohn eines kalifornischen Staubsaugervertreters, präsentiert  sich mit altmodischem Jackett und Halstuch als simyo-CEO und preist seinen Mobilfunktarif als erfreuliche Alternative zu den verwirrenden Angeboten anderer Provider an: „Weil einfach einfach einfach ist“.

Unter uns: Besonders sympathisch ist der schmierige Dan mit seinem Halstuch nicht, oder? Und der Dreimal-einfach-Spruch hört sich an, als ob der Anbieter den Kunden für derart minderbemittelt halten würde, dass er ihm die Botschaft in einem Satz gleich mehrfach ins Gedächtnis hämmern muss. Trotzdem: Dan hat simyo als Marke mit Profil fest in den Köpfen der Kunden etabliert. Ein Erfolg.In letzter Zeit ist es etwas ruhiger um Dan geworden, doch jetzt startet simyo eine neue Kampagne, die vor allem die Markenkommunikation neu beleben soll: Die „Pille fürs Handy“, ein neuer Flatrate-Tarif mit „Kostenstopp“, stellt allerdings nicht mehr der alte Dan Williams vor, sondern ein „Tom Lindvoss“, der deutlich lockerer daherkommt als sein Vorgänger und sich mit seinem netten skandinavischen Akzent von aalglatten Typen wie „Marcell D’Avis“ von 1 & 1 unterscheidet: „Sie sahlen nur, was Sie verbrauchen …“

Die Pillen-Kampagne umfasst diesmal auch Social-Media-Aktionen – nicht ohne Grund, denn es gilt, sich gegen andere Anbieter mit einem Modell zu positionieren, das auch mobiles Internet-Surfen noch attraktiver macht. Es wird in jedem Fall spannend, ob der smarte Tom seine Mobilfunk-Marke ähnlich gut verkaufen kann wie der Mann mit dem Halstuch – oder ob den Endkunden simyo künftig als Billiganbieter von Pharmaprodukten im Gedächtnis bleibt.

Der King wackelt wieder

Erinnern Sie sich noch an den TV-Werbespot von Audi, in dem eine Elvis-Wackelfigur auf dem Armaturenbrett die Hauptrolle spielte? Die Aktion war ungeheuer erfolgreich: Der King als Wackel-Ikone fürs Auto wurde mit einem Schlag zum Kultobjekt, und das kleine Plastikmännchen verkaufte sich wie geschnitten Brot. Kaum eine Straße, kaum ein Parkplatz, kaum eine Kreuzung, an der man nicht in Dutzenden von Fahrzeugen zusehen konnte, wie Elvis die Hüften kreisen ließ.

Audi versteht es, Werbemittel nachhaltig einzusetzen – und Kreativität, Humor und Coolness als prägende Kennzeichen der Marke wirken zu lassen. Längst vergessen geglaubt, holt Audi den King nun noch einmal hervor, um Facebook-User auf die Seite des Ingolstädter Autobauers zu locken: Der letzte verfügbare Wackel-Elvis aus den Werbespots soll im Rahmen eines Gewinnspiels einen liebevollen „Paten“ finden.

„Eine Ikone sucht ihren größten Fan und ein neues Zuhause“ heißt die Aktion, bei der sich User per Foto als die besten Paten für Elvis bewerben können. Wer bis 27. Oktober das coolste Foto an facebook@audi.de einschickt, hat gute Chancen, Besitzer des letzten Wackel-Elvis zu werden. Die bisherigen Einsender beweisen Humor, Mut zum Trash und Unbestechlichkeit: Vom zugemüllten Schreibtisch bis zum Cockpit eines Passagierflugzeugs sind die unterschiedlichsten, nicht immer „Audi-affinen“ Lebensräume für den alten Elvis vertreten. Ein User gelobt gar, im Auto einen Altar zu errichten und jeden Tag für den King ein Räucherstäbchen zu entzünden.

Ein geschickter Schachzug von Audi: Stellte schon der Wackel-Elvis-Werbespot eine untrennbare Verbindung der Automarke mit dem zeitlosen Rock`n´Roll-Idol her, macht Audi jetzt seine TV-Werbung selbst zum Kult, der locker die Jahre überdauert. Auch „Vorsprung durch Technik“ kommt eben nicht ohne ausgeprägte Tradition und Geschichte aus …

Shoppen, wo sich was bewegt

Einkaufen im Internet? Es gibt immer noch Leute, die wollen partout nichts davon wissen. Ihnen fehlt es oft einfach an der haptischen Erfahrung, sie wollen die Dinge erst mal in den Händen gehabt haben, für die sie später ihr Geld hinblättern. Durchaus verständlich, wenn man sich das Gros der Online-Shops so ansieht: In vielen Fällen wird man mit briefmarkengroßen Produktabbildungen abgespeist, auf denen nicht einmal alle Details klar auszumachen sind.

Doch manche Anbieter haben bereits erkannt, dass es spannendere Wege der Produktpräsentation gibt. Schon ein gut gemachtes Video kann potenzielle Kunden mehr in seinen Bann ziehen als jede starre Illustration – das Produkt optimal inszenieren, von seiner besten Seite und in voller Aktion zeigen. Doch das Produktvideo hat weit mehr als nur Unterhaltungswert – auch der Shop-Betreiber selbst profitiert davon. Denn über Einbettungsfunktionen und Möglichkeiten zur Weiterleitung an Facebook, Twitter & Co. entwickelt ein ansprechendes Filmchen unter Umständen eine ungeahnte virale Dynamik, die das Angebot weit über das Shop-Portal hinaus bekannt macht. Auf diese Weise schafft es ein Video, auch Zielgruppen aufmerksam werden zu lassen, die man auf konventionelle Weise vielleicht nie in den Online-Shop hätte locken können. Und der Erfolg ist tatsächlich messbar – unter anderem anhand von Statistiken über Abrufe, Einbettungen und Weiterleitungen.

Doch damit sind die Optionen noch lange nicht erschöpft. In-Video-Shopping beispielsweise erlaubt es dem Betrachter, mitten in einem Clip sofort seinem Kaufimpuls zu folgen, mit der Maus ein Produkt anzuklicken und es seinem Warenkorb zuzufügen – ein ideales Instrument, um etwa über Musikvideos Spontankäufe von CDs und mp3s zu generieren. Unternehmen wie CAVI International oder motionet treiben solche Entwicklungen heute mit Nachdruck voran. Doch der große Durchbruch steht noch aus.

Denn wer per Video Kunden gewinnen möchte, darf Letzteren nicht damit nerven. Immer noch herrscht schließlich die Unsitte vor, vom User gewünschte Inhalte erst einmal mit (im wahrsten Sinn des Wortes) schreiendem Werbe-Content zu überdecken – ob es sich dabei jetzt um eine statische Anzeige oder einen Film handelt, dürfte den meisten Betrachtern erst einmal egal sein. Ich persönlich klicke derartige Aufdringlichkeiten in der Regel weg, ohne auch nur einen Blick auf das vorgestellte Produkt oder die Dienstleistung zu werfen. Es kommt also nicht nur auf die Qualität des Videos an, sondern auch auf das optimale Umfeld für die Präsentation. Denn wer lässt sich schon gerne von Störenfrieden was verkaufen. Der Kunde möchte letztendlich doch zumindest das Gefühl haben, seine Kaufentscheidungen in Ruhe und ohne Druck selbst zu fällen …

Wenn Kaiser mit Weißbier baden gehen

Es heißt ja immer wieder, Promis als Testimonials in der Werbung funktionieren gar nicht so gut, wie man sich das gemeinhin vorstellt. Schon 2006 hat das Münchener Marktforschungsinstitut IMAS hier einen „Sättigungseffekt“ festgestellt und konstatiert, dass es bei der Erinnerungswirkung für den Konsumenten kaum mehr einen Unterschied macht, ob nun Beckenbauer, Ferres oder Verona Pooth einmal dekorativ durchs Bild turnen oder nicht. Gerade an Verona Pooth lässt sich ja der Niedergang einer „Werbe-Ikone“ fast schon exemplarisch studieren: In den 90er Jahren von „Blubb“ über Telefonauskunft bis Haarpflege in der deutschen Werbelandschaft praktisch allgegenwärtig, reicht es heute nach privaten Turbulenzen gerade noch zu Spots für einen ausbeuterischen Textildiscounter. Und damit hat sich Frau Pooth wohl in Sachen Image und Glaubwürdigkeit selber endgültig ins Aus geschossen.

Trotzdem gibt es auch heute noch Werbung, bei der die Zusammenarbeit mit bekannten Gesichtern aus Sport, Film, Fernsehen und Musik gut funktioniert. George Clooney etwa gilt mit Campari und nespresso als einer der coolsten Werbestars überhaupt. William Shatner, Mr. T und Ozzy Osbourne hinterließen einen bleibenden Eindruck in TV-Spots für das Online-Rollenspiel „World of Warcraft“ – genau wie Smudo und Thomas D von den Fantastischen Vier. Letztere sind auch jetzt wieder in Sachen Videogames unterwegs: Sie werfen sich in hautenge Glitzeranzüge, um ab 8. Oktober als chaotisches Artisten-Quartett „Los Aeros Fantos“ für eine Spielesammlung auf Nintendos Wii-Konsole die Werbetrommel zu rühren. Doch warum werten diese Persönlichkeiten Werbung auf, während das mit dem „Fußball-Kaiser“ und Frau „Hier werden Sie geholfen“ nicht mehr gelingt?

Alle genannten Stars von Clooney über Shatner bis hin zu den Fantastischen Vier haben drei Dinge miteinander gemeinsam, die auch den Marken gut tun, für die sie werben: Sie wirken authentisch. Sie haben Humor und können sich auch selbst mal ordentlich auf den Arm nehmen. Und das Wichtigste: Sie machen ausschließlich Werbung für Marken und Produkte, die hundertprozentig zu ihren Persönlichkeiten passen. Clooney nimmt man das selbstironische Engagement für Lifestyle-Artikel ebenso ab wie Osbourne den Auftritt als „Fürst der Finsternis“ für das Fantasy-Spektakel „World of Warcraft“. Sowohl Shatner als auch die Fantastischen Vier haben auch privat tatsächlich einen Bezug zu Computerspielen und wirken deshalb in ihren Rollen „echt“. Anders als Beckenbauer, dessen Gesicht vorgestern die O2-Werbung zierte und gestern in einem Bier-Spot oder einer Anzeige für eine Auto-Nobelmarke zu sehen war – völlig beliebig und austauschbar.

Für erfolgreiche Werbung mit Promis gilt also: Das Markenbild eines Produkts oder eines Unternehmens muss von vorneherein in sich stimmig sein. Nur wenn sich der Werbestar perfekt in dieses Bild einfügt, wirkt die Werbung authentisch und glaubwürdig. Wird der Prominente aufgrund seines Status jedoch nur „aufgepfropft“, ohne einen tieferen Bezug zum beworbenen Produkt zu haben, läuft das Ganze ins Leere. Da reicht es eben nicht, wenn man Johannes B. Kerner vor ein Wurstbrot setzt oder sich die ohnehin aalglatte Frau Ferres mit einem Kosmetikartikel die letzten Charakterfältchen aus dem Gesicht bügelt. Kurz: In der Persönlichkeit des Stars muss sich die Persönlichkeit der Marke glaubhaft widerspiegeln. Nur dann nimmt der Konsument Star und Produkt als Einheit wahr – und die Marke hat eine wesentlich bessere Chance, sich positiv im Gedächtnis des potenziellen Kunden festzusetzen.

Karotten auf Äpfeln

Alte Mütterweisheit: Der Verzehr von Karotten soll für die Augen gut sein. Dass das gelbe Wurzelgemüse jedoch auch zum coolen Lifestyle-Objekt taugt, ist neu. Zu verdanken hat das die Karotte einem Apfel. Denn wer es einmal geschafft hat, sich als Protagonist einer App auf Apples iPhone zu etablieren, dem muss man zweifellos eine gewisse Hipness bescheinigen. Gemeinsam mit Crispin Porter & Bogusky hat der Gemüsehersteller Bolthouse Farms die Babykarotte aufs iPhone gebracht, um sie Lifestyle-orientierten Konsumenten als Junkfood schmackhaft zu machen. Natürlich gelingt das nicht, wenn die Gelberübe nur dekorativ in der Gegend herumliegt. Nein, die knackigen Vitaminschleudern drehen in dem iPhone-Werbespiel »Xtreme Crunch Cart« ordentlich auf: Der Spieler heizt mit seinem Einkaufswagen in atemberaubendem Tempo über Häuserschluchten hinweg, vollführt waghalsige Sprünge, nur um überall in der Stadt die nahrhaften Baby-Karotten einzusammeln. Bleibt nur zu hoffen, dass »Xtreme Crunch Cart«-Spieler ihre iPhone-Stunts nicht beim nächsten Gemüseeinkauf aufs reale Leben übertragen …

Gegenwärtig testen zahlreiche innovationsfreudige Anbieter von Consumer-Produkten das enorme Werbepotenzial von Mobile Games aus – oft im Rahmen aufwändiger crossmedialer Kampagnen. Meist geht es dabei ähnlich rasant zu wie in der Gemüsehatz der Bolthouse Farms. So lässt der deutsche Entwickler Fishlabs die User für Barclaycard eine Wasserrutsche hinabjagen oder lädt für VW zur virtuellen Probefahrt mit dem Spritspar-Modell Polo BlueMotion ein. Spiegel Online hingegen setzt mehr auf Köpfchen und wirbt in der iPhone-App „Spiegel Online Wissenstrainer“ mit anspruchsvollen Fragen aus den unterschiedlichsten Wissensgebieten.

Problematisch: Im allgemeinen App-Fieber, das mit dem iPhone-Hype einhergeht, vergisst so mancher Werber, dass sich mit Apples Plattform nur ein relativ kleiner Teil der Zielgruppe erreichen lässt. So weist der aktuelle „Mobile Web Device Report“ von Netbiscuits darauf hin, dass das iPhone zu Beginn des Jahres in Deutschland gerade eine Marktdurchdringung von 28,64 % erzielte – dicht gefolgt von einem Nokia-Smartphone (24,35 %). Insgesamt zählte Netbiscuits im Januar 2010 in Deutschland 954 verschiedene mobile Endgeräte, mit denen User auf mobile Web-Angebote zugriffen. Wer also beim Werben ausschließlich auf iPhone-Apps setzt, lässt sich unter Umständen den größeren Teil seiner Zielgruppe durch die Lappen gehen. Software-Standards, die es erlauben, Programme ohne große Mühe und wirtschaftlichen Aufwand von einer Plattform auf jede beliebige andere zu portieren, können hier Abhilfe schaffen. Wünschenswert wäre das allemal: Es soll schließlich auch Symbians, Androids oder Badas geben, die von Zeit zu Zeit gerne an einer Karotte knabbern …

Denkmal für einen Blumenkübel

Haben Sie Anfang August auch mitgelitten, als Unbekannte einen Blumenkübel vor dem Eingang des Antoniusstifts in Neuenkirchen zerstörten? 150 Euro Sachschaden! Ganz zu schweigen von dem ideellen Wert des Pflanzenbehältnisses. Die Münstersche Zeitung berichtete am 3. August in einer an und für sich unscheinbaren Meldung über den unerhörten Vorgang – nicht ahnend, welche Wellen die Geschichte im Anschluss bundesweit schlagen sollte.

Eine kleine Twitter-Meldung von einem Redakteur der Münsterschen Zeitung brachte das Ganze offenbar ins Rollen. Mit einem ungeheuren Tempo trugen Twitter-Follower und Facebook-Freunde die Blumenkübel-Geschichte weiter – und entfachten einen Hype, der schließlich sogar die ZDF-Online-Redaktion und Vertreter des Bundestags erfasste. Schon wenig später tauchten auf YouTube eine „Dramatisierte Lesefassung“ und im Popkultur-Blog Coffee and TV ein Blumenkübel-Song auf. Schließlich bekannte sich sogar eine Gruppe namens „Free the Flowers“ zu dem Anschlag.

Hunderte von Tweets, zig Blog-Einträge und mehr als 10.000 Freunde einer Blumenkübel-Seite auf Facebook: Niemand hatte das so beabsichtigt, schreibt die Münstersche Zeitung, der die Blumenkübel-Story laut Carta.info selbst um die 50.000 Seitenaufrufe bescherte. „Um eine Viralkampagne handelt es sich […] nicht, wie @BrandNewWelt uns am Nachmittag via twitter unterstellte“, schreibt das Blatt in seiner Online-Ausgabe.

Stellt sich die Frage: Wie konnte eine kleine, banale Lokalmeldung eine derartige Wirkung entfalten? Basiert das Ganze auf glücklichen Zufällen? Oder stecken dahinter doch Mechanismen, die sich für virale Marketingaktionen nutzen ließen? Genauestens analysieren sollte man das Phänomen allemal.

Zu Ihrer Beruhigung: Ein Würzburger Unternehmen hat dem Antoniusstift mittlerweile Ersatzkübel geschenkt. Und seien wir doch mal ehrlich: Ist der Neuenkirchener Blumenkübel wirklich weniger news-relevant als der Schulterblick von Paris Hilton oder das Outfit von Lady Gaga?

Eigen-Werbung: der pure Horror

Geben Sie’s zu, auch Sie sind ein bisschen eitel. Jeder von uns ist es. Und wir fühlen uns geschmeichelt, wenn unser Name irgendwo lobend in einer Zeitung erwähnt wird. Wenn wir im Fernsehen zufällig einen Haarbüschel von uns in einer Menschenmenge entdecken. Oder wenn wir gar mal als Statist in einer Filmproduktion für Sekundenbruchteile durchs Bild huschen dürfen.

Natürlich nutzt Werbung seit jeher gezielt unsere narzisstische Ader aus. Und jetzt, in der Zeit der sozialen Netzwerke, wird das alles sogar noch viel einfacher – und wirkungsvoller. Der Schweizer TV-Anbieter Swisscom TV beispielsweise macht Facebook-User zu Filmstars: Ein paar Mausklicks genügen, und schon ziert der eigene Name Vorspann und Credits des hollywoodreif inszenierten Horrorfilm-Trailers „Lost in Val Sinestra“. Man fungiert dabei als Produzent des gelungenen Streifens und agiert gleichzeitig als Oberbösewicht. Das Hochladen des eigenen Porträtfotos bereitet einen Schockmoment vor, der sich gewaschen hat.

Doch damit nicht genug: Während der User sein persönliches „Lost in Val Sinestra“ kreiert, können automatisch oder manuell Facebook-Nutzer aus der Freundesliste als Darsteller integriert werden. Und damit hat Swisscom TV sein virales Ziel schon fast erreicht.

„Schaut mal, wir sind alle gemeinsam in einem Film“, werden die meisten „Produzenten“ ihr Machwerk zumindest an die „Schauspieler-Kollegen“ unter den Facebook-Freunden weiterleiten. Wahrscheinlich bekommt jedoch der gesamte Bekanntenkreis den Horrorstreifen zu sehen. Die allgemeine Begeisterung schlägt hohe Wellen, dutzende weiterer Versionen von „Lost in Val Sinestra“ werden zusammengestöpselt und in alle Welt verschickt. Im Abspann des Trailers lockt dann das Swisscom-TV-Logo zum Anklicken – in der Hoffnung, dort weiteres Material zum Gestalten eigener Filme zu finden. Doch letztendlich landet dann jeder User auf der Homepage des Schweizer Unternehmens und kann sich in aller Ruhe über das umfangreiche TV-Angebot informieren.

Auch ich bin den Schweizern in die virale Falle gegangen – und es hat Spaß gemacht, die eigenen Freunde und sich selber in einem professionell produzierten Trailer zu sehen. Wenn ich jetzt noch auf der Suche nach einem Film-TV-Anbieter wäre …

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